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Ver­schwö­rungs­den­ken in Pop­kul­tur und Medien

Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Vor­stel­lun­gen sind nicht nur im Den­ken der extre­men Rech­ten, son­dern gesamt­ge­sell­schaft­lich in unter­schied­li­chen Facet­ten und Abstu­fun­gen ver­brei­tet – so auch bei Per­so­nen, die in der Enter­tain­ment- oder Musik­bran­che erfolg­reich sind. Somit über­rascht es nicht, dass sie auch in pop­kul­tu­rel­len und media­len Erzeug­nis­sen vor­kom­men. Dass Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen Ansätze von Welt­erklä­rung bie­ten, kommt ihnen beson­ders zugute – ebenso ihre ohne­hin nar­ra­tive Form.

Da Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen meist einem manich­äi­schen Welt­bild – also der binä­ren Ein­tei­lung in abso­lut gut und abso­lut böse – ent­spre­chen, sind sie anschluss­fä­hig an popu­läre Erzähl­mus­ter in Lite­ra­tur, Musik und Film. Die klare Auf­tei­lung in Gut und Böse ent­spricht unse­ren Seh­ge­wohn­hei­ten etwa in Super­hel­den- oder Aben­teu­er­fil­men, in Thril­lern, Mär­chen, Thea­ter­stü­cken, Opern, Folk­lore etc.

Ver­schwö­rungs­nar­ra­tive als Stil­ele­ment

Ein Bei­spiel für den pop­kul­tu­rel­len Hype um Ver­schwö­run­gen sind die Romane bzw. Filme des Autors Dan Brown, die seit Ende 1990er erschie­nen sind. Brown ver­wen­det Dis­kurse um Sym­bo­lis­mus, Reli­gion, Geheim­zir­kel wie die Illu­mi­nati und andere his­to­ri­sche Mythen als Hin­ter­grund­fo­lie für Thril­ler. Damit knüpft er zumin­dest impli­zit an die Film­reihe Indiana Jones an, der im ers­ten Teil der Pen­ta­lo­gie im Wett­streit mit der von Mytho­lo­gie und ‚Ger­ma­ni­schen‘ Kult beses­se­nen SS nach dem hei­li­gen Gral sucht. Ver­schwö­rungs­nar­ra­tive – hier passt -mythen am bes­ten – erschei­nen in pop­kul­tu­rel­len Main­stream-Erzeug­nis­sen wie die­sen als span­nende letzte Geheim­nisse in der Moderne, die­nen häu­fig aber eher zur Aus­schmü­ckung der Hand­lung und Figu­ren und sind nicht der Kern. Anhand der brei­ten Rezep­tion die­ser Medien ist erkenn­bar, dass doch eine gewisse Fas­zi­na­tion von ver­meint­li­chen Ver­schwö­run­gen aus­geht. Gezielt ein­ge­setzt wer­den ver­schwö­rungs­nar­ra­tive Stil­ele­mente inzwi­schen sel­te­ner. 

Online-Kul­tur und Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie

In den 2000er Jah­ren wur­den zuneh­mend Blogs, Video­platt­for­men und spä­ter Soziale Medien der Schau­platz für mediale Ver­ar­bei­tung von Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen/-nar­ra­ti­ven. Mit stei­gen­der rech­ter Domi­nanz („Alt-Right“) in online Kul­tu­ren ab Mitte der 2010er Jahre erga­ben sich außer­dem inhalt­li­che Ver­schie­bun­gen. In der Bush-Ära (2001-2009) war die Fas­zi­na­tion für Ver­schwö­run­gen vor allem ein Phä­no­men links­li­ber­tä­rer Milieus, deren – trotz allem boden­lose und struk­tu­rell anti­se­mi­ti­sche – Erzäh­lun­gen an reale Skan­dale wie Water­gate, die NSA-Affäre oder die Ent­hül­lun­gen über Kriegs­ver­bre­chen im Irak und in Afgha­ni­stan anknüpf­ten. In der Obama-Amts­zeit (2009-2017) hin­ge­gen ver­band sich der Glaube an Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien zuneh­mend mit extrem rech­ten Bewe­gun­gen und Vor­stel­lun­gen von Ungleich­heit, Natio­na­lis­mus und Fami­lis­mus (der Fami­lie als Leit­form der Sozi­al­struk­tur). Die Anne­xion der Krim und rus­si­sche Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen lie­ßen in einem ähn­li­chen Zeit­raum in Deutsch­land ab 2013 unter der Selbst­be­zeich­nung „Mon­tags­mahn­wa­chen für den Frie­den“ neue ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Milieus ent­ste­hen.

In der Coro­na­pan­de­mie hat die Ver­brei­tung von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie stark zuge­nom­men. Dies machte auch vor der Unter­hal­tungs­bran­che nicht halt. Meh­rere pro­mi­nente deutsch­spra­chige Musiker:innen ver­brei­te­ten auf ihren Social Media Kanä­len (noch mas­si­ver als zuvor) ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Inhalte und Fake News. Schließ­lich ver­öf­fent­lich­ten einige auch Songs, deren expli­zi­ter Kern­in­halt coro­nabe­zo­gene und andere Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen waren.

In der­ar­ti­gen Inhal­ten ver­bin­den sich klas­sisch anti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen mit moder­ni­sier­ten Vari­an­ten, mit Memes (humor­volle oder iro­ni­sche Inter­net­bil­der, Videos oder Sprü­che, die sich schnell online ver­brei­ten und oft aktu­elle The­men oder Trends kom­men­tie­ren), sze­nein­ter­nen Codes, aber auch kul­tu­rel­len Quer­ver­wei­sen, die über Meme­fi­zie­rung und Iro­ni­sie­rung gänz­lich aus ihrem ursprüng­li­chen Kon­text gelöst sind und neue Bedeu­tungs­ebe­nen auf­wei­sen. In Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen wer­den die Struk­tur von pop­kul­tu­rel­len Erzeug­nis­sen auf­ge­grif­fen und wei­ter zuge­spitzt. Ein­zelne Erzähl­stränge und Sym­bole wer­den her­aus­ge­löst, fehl- und umin­ter­pre­tiert, wie es gerade passt. Die Sym­bole und Motive der Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen stam­men teil­weise aus den popu­lärs­ten und meist­ver­brei­te­ten, kom­mer­zi­ell erfolg­rei­chen Medi­en­er­zeug­nis­sen ihrer Zeit.

Aneig­nung pop­kul­tu­rel­ler Inhalte

Die Neue Rechte und die von ihr inspi­rier­ten Online-Kul­tu­ren sind spe­zia­li­siert auf die Aneig­nung pro­gres­si­ver Stil- und Theo­rie­ele­mente, die sie ihrer Ideo­lo­gie ent­spre­chend ver­dre­hen. Als wich­tigs­tes Bei­spiel der Aneig­nung von eher pro­gres­si­ven pop­kul­tu­rel­len Inhal­ten kann die Film­tri­lo­gie Matrix gel­ten. Eine Schlüs­sel­szene des Films ist der Moment, in dem der Haupt­cha­rak­ter Neo durch die Ein­nahme einer roten Pille vor die Wahl gestellt wird, aus der simu­lier­ten Welt, in der er bis­her voll­stän­dig und ohne Kennt­nis der exter­nen Per­spek­tive lebte, aus­zu­stei­gen. Diese Szene wird von Anhänger:innen der Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie unter dem Stich­wort ‚Red-Pil­ling‘  als Alle­go­rie für den Moment des Erwa­chens und der Hin­wen­dung zu den „ein­zig rich­ti­gen“, (extrem) rech­ten Ideo­lo­gie­an­ge­bo­ten ver­stan­den. Die Bedeu­tung die­ser Szene für Verschwörungsanhänger:innen geht weit über die fil­mi­sche Grund­lage hin­aus. Die von den Autor:innen beab­sich­tigte Erzäh­lung ist ihnen dabei nicht wich­tig: Die Wachow­ski-Schwes­tern haben mitt­ler­weile in meh­re­ren Inter­views davon gespro­chen, dass die Matrix-Geschichte für sie eine Geschichte einer Gen­der Tran­si­tion erzählt und für die Befrei­ung der eige­nen sexu­el­len Iden­ti­tät steht – also eine Geschichte ist, die so gar nicht ins extrem rechte Welt­bild pas­sen soll.  

Pop- und Online­kul­tur als Raum der Kri­tik an Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie

Zuletzt ist wich­tig, dass Pop, Soziale Medien und Sub­kul­tu­ren auch Räume der Kri­tik und Bil­dung gegen Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie sind. Blogs, Meme-Accounts, die Social Media Kanäle von Qua­li­täts­me­dien, Inde­pen­dent Filme, poli­ti­sche Bildungscreator:innen, diverse Songs, Thea­ter­stü­cke sowie wei­tere Insze­nie­run­gen und Kom­men­tie­run­gen waren vor allem wäh­rend der Coro­na­pan­de­mie auch die zen­tra­len Foren und Pra­xen zur kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit den sich rasch ver­brei­ten­den Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen.