Oft besteht Unsicherheit darüber, ob Äußerungen eines Gegenübers als Verschwörungserzählung einzuschätzen sind. Statt zu versuchen, den Wahrheitsgehalt der einzelnen Erzählungen zu überprüfen oder alle möglichen Erzählungen zu kennen, ist es hilfreicher, sich eine Reihe von Merkmalen zu vergegenwärtigen, durch die Verschwörungserzählungen und die ihnen gemeinsam zugrunde liegende Ideologie definiert werden.
Oft besteht Unsicherheit darüber, ob Äußerungen eines Gegenübers als Verschwörungserzählung einzuschätzen sind. Statt zu versuchen, den Wahrheitsgehalt der einzelnen Erzählungen zu überprüfen oder alle möglichen Erzählungen zu kennen, ist es hilfreicher, sich eine Reihe von Merkmalen zu vergegenwärtigen, durch die Verschwörungserzählungen und die ihnen gemeinsam zugrundeliegende Ideologie definiert werden.
Begriffe
In der Forschung und Auseinandersetzung rund um das Thema Verschwörungsideologien werden unterschiedliche Begriffe benutzt. So wird von Verschwörungstheorien, –mythen, oder von Verschwörungserzählungen und -ideologien gesprochen. Auch wenn es manchmal so scheint, dass all diese Begriffe synonym verwendet werden, verbergen sich doch dahinter oft unterschiedliche Perspektiven. Im RaisoN-Projekt verwenden wir üblicherweise die Begriffe Verschwörungserzählung und Verschwörungsideologie, die in unserem Glossar genau definiert sind. Für alle, die sich intensiver mit den fachlichen Kontroversen rund um die Begrifflichkeiten auseinandersetzen möchten, empfehlen wir die unten stehenden Materialien.
Erkennungsmerkmale von Verschwörungsideologien/-erzählungen:
Drei Charakteristika, durch die sich Verschwörungsideologie beschreiben lässt, sind Grundannahmen, die jeder Verschwörungserzählung zu Grunde liegen. Die weit verbreitete Definition wurde vom deutschen Amerikanisten Michael Butter zusammengestellt und geht auf den amerikanischen Politikwissenschaftler Michael Barkun und den englischen Historiker Geoffrey Cubitt zurück:
- Annahme 1 – Nichts geschieht durch Zufall / Großer Plan: Hinter Ereignissen werden großangelegte Pläne vermutet, statt Zufälle oder komplexe Zusammenhänge anzuerkennen. So wird z.B. hinter den Migrationsbewegungen der Jahre 2015/16 ein großer Plan von Verschwörer:innen vermutet – wahlweise des ‚internationalen Judentums‘ oder der Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel – um den sogenannten ‚Großen Austausch‘ zu organisieren.
- Annahme 2 – Nichts ist, wie es scheint: In einem Großteil der Verschwörungserzählungen herrscht die Überzeugung, dass die sichtbare Welt ein Trugbild ist, hinter dem ein geheimer Plan steckt, gesteuert von unbekannten Mächten. Anhänger:innen halten offizielle Berichte, Erklärungen und Informationen grundsätzlich für verdächtig, da sie in Wirklichkeit einer geheimen Agenda dienen würden. Besonders gegenüber staatlichen Institutionen, Medien und der Wissenschaft hegen sie tiefes Misstrauen, verstärkt durch die rhetorische Frage ‚Wem nützt es? (lateinisch: Cui Bono?)‘. Diese Frage impliziert, dass Ereignisse absichtlich initiiert würden, um mächtigen Interessensgruppen zu dienen und dass die Wahrheit bewusst verschleiert wird, um die Kontrolle über die Gesellschaft aufrechtzuerhalten.
- Annahme 3 – Alles ist miteinander verbunden: Verschwörungsanhänger:innen neigen zu der Vorstellung, dass alle globalen Ereignisse und Akteur:innen in einem umfassenden, geheimen Netzwerk miteinander verknüpft sind. Viele Verschwörungserzählungen zeichnen ein Bild, in dem kein Ereignis isoliert stattfindet; stattdessen wird angenommen, dass alles einem großen, übergreifenden Masterplan folgt, der von mächtigen, oft als jüdisch angenommenen, aber öffentlich unbekannten Akteur:innen dirigiert wird. Diese Sichtweise vermittelt ihnen das Gefühl, eine besondere Einsicht in die Weltordnung zu besitzen — eine Einsicht, die den meisten Menschen angeblich vorenthalten wird. Die Tendenz zu einem sogenannten ganzheitlichen oder holistischen Weltbild ist auch wesentliches Merkmal der Esoterik.
Weitere Merkmale von Verschwörungserzählungen die zu Teilen mit den genannten Grundannahmen zusammenhängen, sind:
- Scheinwissenschaftliche Beweise: Anhänger:innen von Verschwörungsideologie lehnen wissenschaftliche Widerlegungen ab, zeigen jedoch oft einen pseudo-wissenschaftlichen Anstrich indem sie sich auf Fakten berufen, die den anerkannten Standards der Wissenschaft nicht standhalten. Sie geben sich also explizit einen wissenschaftlichen Anstrich, um Gegenargumente ins Leere laufen zu lassen.
- Geheime Verschwörer:innen: Es wird von geheim operierenden Gruppen ausgegangen, die die Kontrolle oder Zerstörung der Menschheit, eines Landes oder der Welt zum Ziel haben. Diese Gruppen werden als machtvolle Instanzen inszeniert. Die vermeintlichen Verschwörer:innen können reale Menschen sein, z. B. jüdische Personen, Frauen, Kommunist:innen, Illuminat:innen, queere Personen aber auch ausgedachte Wesen, wie Reptiloide.
- Dualismus: Es besteht ein starkes Schwarz-Weiß-Denken zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘, zwischen den ‚Unschuldigen‘ und den ‚Schuldigen‘, wobei vermeintliche ‚Feinde‘ oder ‚das Böse‘ klar identifiziert werden. Beispielsweise haben antisemitische Verschwörungserzählungen das eindeutige Feindbild jüdischer Menschen, die für alles Übel verantwortlich gemacht werden. Reichsbürger:innen sehen ‚die da oben‘ als Feinde an, also die Regierung, aber auch Verwaltung, Polizei und Justiz. Völkisch-autoritäre Verschwörungsanhänger:innen sehen ‚das Böse‘ in jüdischen und muslimischen Personen, in ‚den Geflüchteten‘ und seit geraumer Zeit auch in Frauen und queeren Menschen. Die eigene Gruppe, das ‚Wir‘ wird von Verschwörungsanhänger:innen als gut imaginiert, die Gegengruppe hingegen, das ‚Sie‘, die ‚Anderen‘, als böse, schlecht und gefährlich. Ideologien der Ungleichwertigkeit wie Rassismus, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit sind daher ein guter Nährboden, denn auch diese Ideologien arbeiten mit der Konstruktion von Eigen- und Fremdgruppen.
- Geheimes Wissen: Anhänger:innen von Verschwörungsideologien sehen sich als Erleuchtete, während die Mehrheit als unwissende Masse abgetan wird, die die Verschwörung und die damit einhergehenden Gefahren nicht erkennen können oder wollen. Gerade die Zugehörigkeit zur Gruppe ‚der Wissenden‘ hat für Verschwörungsanhänger:innen eine bedeutende Funktion – sie können sich als ‚Wissende‘ über die ‚Schlafschafe‘ erheben, sich aufgrund ihres vermeintlichen Wissens als bedeutsam erleben und sich zudem einer Gruppe der ‚Eingeweihten‘ zugehörig fühlen.
- Reduktion von Komplexität: Die Komplexität der Welt in fassbare Gedanken und Erzählungen zu vereinfachen, ist eine herausragende und notwendige Kompetenz des menschlichen Geistes, die es überhaupt erst ermöglicht, miteinander zu kommunizieren und handeln zu können. Wie jede Ideologie zeichnet sich Verschwörungsideologie dadurch aus, dass sie vielschichtige globale und gesellschaftliche Herausforderungen auf eine immer wiederkehrende kleine Auswahl von Ursachen und Verantwortlichen reduziert. In einer Welt, die für viele immer unübersichtlicher wird und schwer nachvollziehbar erscheint, bieten diese vereinfachten Erklärungen eine klare Struktur. Durch diese übertriebene Vereinfachung entsteht der Eindruck, die Geschehnisse in der Welt durchschauen und kontrollieren zu können. Diese Reduktion bietet dabei nicht nur eine trügerische Klarheit, sondern auch einfache Lösungen für komplexe Probleme.
- Antisemitische und/oder rassistische Narrative: Zahlreiche Verschwörungserzählungen greifen auf antisemitische oder rassistische Stereotype zurück, um bestimmte Gruppen für globale Probleme verantwortlich zu machen. Diese Erzählungen nutzen bestehende Vorurteile, um aktuelle Ängste zu verstärken und gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen. Im Kern sind viele Verschwörungserzählungen antisemitisch strukturiert, weil sie häufig auf die Idee zurückfallen, dass eine geheime, elitäre Gruppe die Welt im Verborgenen kontrolliert. Diese ‚Elite‘ wird in vielen Verschwörungserzählungen mit antisemitischen Stereotypen in Verbindung gebracht, insbesondere mit der Vorstellung einer ‚jüdischen Weltherrschaft‘. Diese tief verwurzelten antisemitischen Vorstellungen beschuldigen Jüdinnen:Juden fälschlicherweise, hinter globalen Ereignissen und Machenschaften zu stehen, und dienen so als universeller Sündenbock innerhalb der Narrative. Verschwörungserzählungen greifen oft auf jahrhundertealte Feindbilder und Vorurteile zurück.
Viele Verschwörungserzählungen erscheinen für Außenstehende krude, absurd oder wie ein (schlechter) Witz. Erzählungen, wie die über Reichsflugscheiben, mit denen Hitler und andere Nazis angeblich zum Südpol geflogen sein sollen, um dort ein neues NS-Reich namens ‚Neuschwabenland‘ zu gründen, oder die Vorstellung von Angela Merkel als Reptiloide (halb Mensch, halb Reptil), lassen sich auf den ersten Blick schwer ernst nehmen. Gleichzeitig haben Verschwörungserzählungen für die Betroffenen – z. B. Jüdinnen:Juden – gravierende Folgen und entwickelten sich mit der Zeit zu komplexen Verschwörungsideologien – beispielsweise die antisemitische Hetzschrift und Verschwörungserzählung der ‚Protokolle der Weisen von Zion‘, die Hitler in seinen ideologischen Vernichtungsphantasien grundlegend bestärkte und in die Gaskammern von Auschwitz führte.
Quellen und weiterführende Literatur
Amadeu Antonio Stiftung (2021): Down the rabbit hole. Verschwörungsideologien: Basiswissen und Handlungsstrategien, Berlin
Butter, Michael (2021): „Nichts ist, wie es scheint“ Über Verschwörungstheorien, Berlin
Decker, Oliver/Brähler, Elmar (Hg.) (2020): Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments. Neue Radikalität, Gießen
Nocun, Katharina/Lamberty, Pia (2022): Gefährlicher Glaube – Die radikale Gedankenwelt der Esoterik, Köln
Speit, Andreas (2022): Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus, Berlin
Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg e.V. (2024). Mehr als ein Methodenhandbuch. Von Vorurteilen, Feindbildern und Verschwörungsideologien.
Zick, Andreas / Küpper, Beate (2021) (Hg.): Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2020/21, Bonn
Kutscher, Nadja (2022): Der Mythos vom „großen Austausch“. Taz.de

