Zur Einordnung
- Verschwörungsideologien enthalten in den allermeisten Fällen auch rechtsextreme Ideologieelemente und als mehr oder weniger verschleierte Kernelemente auch Antisemitismus, Rassismus und Antifeminismus. Diese Elemente hinter den Erzählungen zu erkennen und einordnen zu können, ist häufig gar nicht so leicht und stellt Berater:innen vor Herausforderungen und ist gleichzeitig eine notwendige Fachkompetenz von Berater:innen auch der allgemeinen sozialarbeiterischen Beratungsarbeit.
- In der Beratung derjenigen, die von Verschwörungsideologien betroffen sind, werden die Erfahrungen, Reflexionen und Bedarfe der Ratsuchenden in den Mittelpunkt gestellt. Dies ist wichtig, weil sie in informellen Situationen zu oft erleben, dass ihre Erlebnisse zwar kurzfristige Aufmerksamkeit bis hin zu Sensationslust erregen, in ihrer Tragweite aber unterschätzt oder verharmlost werden. Verschwörungsanhänger:innen gelten als ‚Spinner‘, werden von Bekannten aber manchmal auch von professionell Beratenden irgendwo zwischen belustigend-harmlos und eigenbrötlerisch-missionarisch eingestuft. Vor diesem Hintergrund ist es für die Ratsuchenden äußert hilfreich, dass die soziale und politische Dimension ihrer persönlichen Situation erkannt wird und ggf. von den Beratenden als weiterer Reflexionsrahmen gespiegelt wird. Sie brauchen ein Gegenüber, das glaubwürdig erkennt, worum es in dieser spezifischen Thematik geht, wie ernst und folgenreich sie ist, ohne als ‘Besserwisser:in‘ aufzutreten.
- In der Beratung derjenigen, die von Verschwörungsideologien betroffen sind, werden die Erfahrungen, Reflexionen und Bedarfe der Ratsuchenden in den Mittelpunkt gestellt. Dies ist wichtig, weil sie in informellen Situationen zu oft erleben, dass ihre Erlebnisse zwar kurzfristige Aufmerksamkeit bis hin zu Sensationslust erregen, in ihrer Tragweite aber unterschätzt oder verharmlost werden. Verschwörungsanhänger:innen gelten als ‚Spinner‘, werden von Bekannten aber manchmal auch von professionell Beratenden irgendwo zwischen belustigend-harmlos und eigenbrötlerisch-missionarisch eingestuft. Vor diesem Hintergrund ist es für die Ratsuchenden äußert hilfreich, dass die soziale und politische Dimension ihrer persönlichen Situation erkannt wird und ggf. von den Beratenden als weiterer Reflexionsrahmen gespiegelt wird. Sie brauchen ein Gegenüber, das glaubwürdig erkennt, worum es in dieser spezifischen Thematik geht, wie ernst und folgenreich sie ist, ohne als ‘Besserwisser:in‘ aufzutreten.
In einigen Fällen bleibt die Auseinandersetzung um Verschwörungsideologien nicht im privaten Raum, sondern hat Auswirkungen auf institutionelle Kontexte wie Schule (Schulabsentismus), Jugendamt (Kindeswohlgefährdung) oder Finanz- und Meldebehörden (Überschuldung oder auch Nicht-Anerkennung des Staates). Hier ist es sinnvoll, über die psychosoziale Funktion der Beratung hinaus, auch den institutionellen Handlungsrahmen einzubeziehen: Mit welchem institutionellen Auftrag ist meine Beratungsarbeit verbunden? Welche menschenrechtlichen Aspekte sind relevant (z.B. Gleichheitsgrundsatz, Diskriminierungsverbot, Meinungs-, Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit)? Welche weiteren rechtlichen und institutionellen Rahmungen gibt es?
Auch wenn es in Beratungssetting meist um die Beratung von Betroffenen geht, ist mit Blick auf die Verschwörungsanhänger:innen wichtig zu erkennen: „Die Gruppe der verschwörungsgläubigen Personen ist sehr heterogen, sowohl hinsichtlich des Alters als auch in Bezug auf sozioökonomische Hintergründe und Bildungszugänge. Diese Beobachtung widerspricht dem medial häufig genutzten ableistischen und klassistischen Bild, das verschwörungsgläubige Menschen pathologisiert und / oder als minder intelligent beschreibt. Eine solche Darstellung führt zur erneuten Abwertung von kranken und / oder gesellschaftlich behinderten Menschen. Zudem entpolitisieren derartige Zuschreibungen die Haltungen und Handlungen von Verschwörungsgläubigen und verkennen das Gefahren- und Mobilisierungspotential, das von rechten Ideologien und konkret auch Personen und Netzwerken ausgeht.“ (mbt Hamburg (2024) S. 40)
Im eigenen sozialen Umfeld Personen ausgesetzt zu sein, die Verschwörungsideologien oft in einer hohen Intensität verbreiten, bedeutet für viele Betroffene, psychische und zu Teilen. auch physische Gewalt zu erfahren, oder gefährdet zu ein. „In der Beratung ist es grundlegend, (potentiell) Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt im Blick zu haben und die Anschlussfähigkeit von antisemitischen und rechten Erzählungen in der Gesellschaft mitzudenken.“ (ebd.)
Beratungsstandards
Viele Haltungen und Ansatzpunkte grundständiger Beratungsarbeit sind auch für von Verschwörungsideologien Betroffene hilfreich: Ressourcen- und Lösungsorientierung, Reflexive Ausrichtung der Beratungsziele an den Bedarfen der Betroffenen, Erkenntnis durch Reflexion und Reframing, Einbezug von Kontextwissen, soziale und emotionale Stabilisierung, Erarbeitung von konkreten Handlungsstrategien für konkrete soziale Situationen, etc..
Verschwörungserzählungen und -ideologien und ihre Folgen üben eine große Faszination auf Menschen aus, vor allem, wenn sie ihnen erstmalig begegnen. Davon sind auch professionelle Berater:innen nicht ausgenommen. Es ist gut, sich ein grundständiges Wissen über relevante Erzählungen anzueignen, um diese einordnen zu können. Es ist jedoch unnötig bis hinderlich, sich zu sehr in die Untiefen dieser Ideologien hereinziehen zu lassen, um weiterhin gut beraten zu können. Vielmehr lohnt es sich auch in der Beratung immer wieder, den Fokus darauf zu lenken, welche Funktion die Verwendung von Verschwörungsideologien für die Beteiligten und die sozialen Systeme haben, welche subjektiven Sinndeutungen zugrunde liegen, welche Bedürfnisse damit befriedigt und welche Ziele/ Veränderungen damit erreicht werden. Unabhängig von den eigentlichen Erzählungen liegen hier Ansatzpunkte für die Lösungen, die von Betroffenen angestrebt werden.
Extrem rechte Ideologieelemente wie Antisemitismus, Antifeminismus, Autoritarismus oder völkische Überzeugungen, die von Betroffenen reproduziert werden, sollten von Beratenden als solche benannt werden, um eine ethische Einordnung klar zu machen, ohne jedoch die ratsuchende Person dadurch zur Positionierung zu zwingen. Es geht darum, sie bei ihren Anliegen zu unterstützen, nicht darum, die:den dahinterstehende:n, nicht anwesende:n Verschwörungsanhänger:in zu verändern. Selbst wenn genau das oft das erste Anliegen von Ratsuchenden ist, hat diese Option oft wenig Aussicht auf Erfolg. Im Gegenteil: Ratsuchende empfinden es oft als entlastend, sich nicht mehr an vergeblicher Überzeugungsarbeit abzuarbeiten und stattdessen die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen.
Häufig wird in der Beratung die Regulierung von Nähe und Distanz zwischen der ratsuchenden, betroffenen Person und der verschwörungsanhängenden Person thematisiert: Soll ich in der Beziehung bleiben, oder mich trennen? Wie kann ich den Alltag so gestalten, dass das Thema nicht alles dominiert und ich bleiben kann? Wie kann ich eine unerträgliche Belastung beenden, ohne gänzlich den Kontakt zu verlieren? Der Umgang mit Grenzen und Grenzüberschreitungen in der Beziehungsdynamik ist so gut wie immer virulent. Hier gilt es, den oft langen und folgenreichen Prozess der Auseinandersetzung, Entscheidungen und Umsetzung zu begleiten.
Wie steht es um die Verantwortung der Ratsuchenden für Dritte (gemeinsame Kinder, Eltern, Schutzbefohlene)? Gerade, wenn radikalisiertes Verhalten der Verschwörungsanhänger:innen als Gefährdung erkannt und benannt werden, sind auch die Rechte Dritter als wesentliche Aspekte in die Beratung einzubeziehen. Meist haben Betroffene das Anliegen, diese Personengruppen zu schützen. Das ‚Wächteramt‘ der Beratenden darf nicht außer Acht gelassen werden, gerade wenn es sich beispielsweise um Fragen des Kinderschutzes dreht.
Wenn die eigene Beratungsarbeit an Grenzen gerät, lohnt sich selbstverständlich die Aktivierung von kollegialen Netzwerken oder Fachberatung zu den entsprechenden Themen. Wenn es hilfreich erscheint, die eigene Beratung zu ergänzen, können Betroffene an weitere Hilfsangebote wie Psychotherapie oder Selbsthilfegruppen verwiesen werden.
Quelle: mbt Hamburg (2024). „Es ist kein Sprint, sondern ein Marathon …“ Standards und Herausforderungen in der Beratung von An- und Zugehörigen von Verschwörungsgläubigen.

