Verschwörungsideologie ist im sozialen Alltag, als popkulturelles, aber auch als politisches Phänomen zuletzt immer sichtbarer geworden. Wie aber zeigen sich Verschwörungserzählungen im Arbeitsalltag von Fachkräften der Beratung im Kontext sozialer Arbeit und Fachkräften der politischen Bildung? Unsere Anfang 2024 von knapp 700 Personen beantwortete Online-Befragung zeigt ein deutliches Bild:
Begegnet Ihnen das Thema Verschwörungserzählungen im Rahmen Ihrer Arbeit mit den Ratsuchenden/Bildungsteilnehmenden? (n=681)
Das Thema Verschwörungszählungen begegnet 70,5% der Befragten im Rahmen ihrer Arbeit, weitere 9,4% sind sich nicht sicher, ob es sich bei dem, was sie hören um Verschwörungserzählungen handelt.
Von den Fachkräften, die Verschwörungserzählungen wahrnehmen, gaben 47,1% an, dass sie ihnen immer mal wieder‘ begegnen, 18,0% sagen sogar, dass sie ihnen ‚häufig‘ begegnen. Sowohl Berater:innen (70,1%) als auch politischen Bildner:innen (72,3%) nehmen das Thema der Verschwörungsideologien nahezu in gleichem Ausmaß wahr.
Ein Blick auf die Zusammensetzung der Teilgruppe der „allgemeinen Berater:innen“ zeigt, dass die unterschiedlichsten Handlungsfelder der sozialen Arbeit betroffen sind:
In welchem beruflichen Handlungsfeld sind Sie tätig? (n= 501)
Knapp ein Drittel der 501 antwortenden Berater:innen sind in der allgemein Sozialberatung tätig, zwischen 10% und 20% in der Familien- Erziehungs- oder Suchtberatung bzw. Beratung bei psychischer Beeinträchtigung, Flucht und Migration. Alle weiteren der genannten Beratungsfelder sind jeweils mit unter 10% in der Stichprobe vertreten. Weitere 10 Beratungsfelder wie Bildungsberatung, Demenzberatung, Studierendenberatung oder Selbsthilfeunterstützung wurden in der Freitextantwort genannt.
Auch die Zielgruppen der Fachkräfte in der politischen Bildung, die sich an der Befragung beteiligten, sind vielfältig. Sie bieten einen Einblick, wo überall Verschwörungserzählungen im Kontext der politischen Bildung als Zielgruppen-, Alters- und Fächerübergreifende Profession auftritt.
Welche Zielgruppen haben Ihre Bildungsangebote? (n=70)
Um herauszufinden, welche Erzählungen und welche dahinterstehenden Themen in der Fachpraxis relevant sind, wurden zwölf verschiedene Aussagen vorformuliert und danach gefragt:
Welche der folgenden Aussagen sind Ihnen so oder ähnlich in der Arbeit mit Ratsuchenden bereits begegnet? (n= 523, Mehrfachauswahl möglich)
Mehr als 60%, bis zu zwei Drittel der Fachkräfte bekommen im Rahmen ihrer Arbeit allgemein formulierte Aussagen zu hören, die darauf hindeuten, dass Personen, die sich so äußern, Verschwörungserzählungen anhängen. Es wird zum Beispiel behauptet, Politiker:innen und Führungskräfte seien nur Marionetten der dahinterstehender Mächte, oder Politik und Medien ‚steckten unter einer Decke‘ um gemeinsam gegen die Bevölkerung zu arbeiten. Damit sind mehrere konstitutive Merkmale von Verschwörungserzählungen genannt, die u.a. in der „Mitte-Studie“ und der „Autoritarismusstudie“ regelmäßig bevölkerungsrepräsentativ erfasst werden.
Auch konkrete, themenbezogene Erzählungen sind hoch im Kurs, allen voran verschwörungsideologisch aufgeladene Aussagen zur Corona-Pandemie, die von mehr als der Hälfte der Fachkräfte wahrgenommen werden. Narrative, die sich auf den Klimawandel beziehen, gesundheitsbezogene und wissenschaftsfeindliche Aussagen kommen bei mehr als einem Drittel vor. Selbst deutlich antifeministisch, völkisch-autoritär oder antisemitisch geprägte Behauptungen, tauchen bei mehr als einem Viertel der Fachkräfte auf, bis hin zur Auffassung, dass Deutschland kein legitimer Staat, sondern nur ein Wirtschaftsunternehmen sie, die vor allem in der Szene der Reichsbürger:innen weit verbreitet ist.
Diese Daten zeigen, dass das Thema der Verschwörungsideologie auch im Rahmen professioneller Beratung im Rahmen sozialer Arbeit und politischer Bildung aktuell eine Rolle spielt. Auch wenn es nur eins von verschiedenen relevanten übergreifenden Themen ist, mit denen sich Fachkräfte beschäftigen müssen, prognostizieren über 30% der Fachkräfte, dass ‚das Thema in Zukunft wahrscheinlich bald relevant wird‘. In welchen Situationen professionellen Handelns und auf welche Art und Weise Verschwörungserzählungen eine Rolle spielen, lässt sich am besten aus den Leitfadeninterviews ableiten, die mit insgesamt 24 Fachkräften der Bildungs- und Beratungsarbeit geführt wurden.
Wie Verschwörungsideologie in sozialen Nahräumen, also im Alltag vorkommt ist sehr unterschiedlich und situationsabhängig. Das liegt zum einen daran, dass Verschwörungserzählungen diffus und wandelbar sind und auch an ihren schillernden Motiven selbst. Zum anderen ist es sehr von persönlichen Erfahrungen und psychischen Voraussetzungen abhängig, wie sich Verschwörungsideologie bei Einzelpersonen konkret zeigen.
Wie Verschwörungsideologie in den verschiedenen Handlungsfeldern vorkommt, lässt sich am besten anhand von Momenten aus dem erhobenen Interviewmaterial verdeutlichen. Verschwörungsideologie kann ein Faktor in Lehr-/Lernsituationen oder Beratungssettings sein:
Wenn Schüler:innen lange in der in der Schule fehlen und zudem ihre Eltern durch staatsfeindliche Sprüche auffallen.
„Ja, und gerade bei Kindern hatten wir auch Probleme in der Schule, wenn es noch nicht zum Schulabsentismus kommt, dann aber möglicherweise, dass Kinder eben in der Schule Vorstellungen, die ihre Eltern vertreten, auch reflektieren und da dann entweder von anderen Kindern für ausgelacht, gemobbt, gehänselt werden, weil das eben dann doch komisch ist, wenn das Kind in der dritten Klasse von der flachen Erde erzählt.“
Timo Bachmann und Julian Fischer, Beratungsstelle zu Weltanschauungsfragen
Wenn bei einer Ehe-, Lebens- und Familienberatung ein Paar mit Trennungsgedanken in Beratung ist und es beiläufig um unterschiedliche „Einstellungen zur Impfung“ geht
„Genau, das nehmen wir auch SEHR oft wahr, wenn halt ähm einzelne Elternteile tatsächlich verschwörungsgläubig sind und, gerade während dieser ganzen Impfdebatten zum Beispiel, dann Ängste eingeredet wurden. Also das hatte ich ja gerade erwähnt, dass die Familie / oder beziehungsweise die Kindesmutter, ich weiß nicht, ob jetzt die ganze Familie, aber so ein bisschen auch darüber geredet hat, dass der Vater sterben könnte, weil er geimpft sei.“
Anna Meier und Mia Lange, Beratungsstelle zu Verschwörungsideologien
Wenn Pflege nicht organsiert werden kann, weil hilfsbedürftige Eltern oder die erwachsenen Kinder „staatliche Eingriffe“ ablehnen, bzw. fürchten, dass der Staat sich Vermögenswerte holen wolle.
„Da hat meine Mutter nur ganz kurz geschrieben: "Ja, ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll. Euer Vater, der kommt nicht mehr aus dem Bett raus." Ich so: "Ja, Mama, der muss ins Krankenhaus. Schlaganfall? Irgendwas?" [...] "Nee, das machen wir nicht." Also so von Leuten, die halt nicht mehr an Schulmedizin glauben, ist das der Anfang vom Ende, wenn der Arzt kommt. Dann bin ich da hingefahren. Das ist in der Nähe von [4L-Stadt], so auf dem Land, wo halt auch dieses völkische noch so richtig gut vertreten ist. Dann bin ich mit denen ins Krankenhaus gegangen. Es wurde eine Demenz diagnostiziert.“
Susanne Wittkowski, Betroffene
Wenn Adressat:innen von Angeboten der Sozialen Arbeit sehr schnell und „wie aus dem Nichts“ Anschluss an die extrem Rechte Szenen finden
„Sondern, da kam das für viele wie das berichtet wurde halt eben, eher so aus dem heiteren Himmel. So nach dem Motto: Plötzlich sind die halt eben in diesem Kaninchenbau, ne, so und wühlen sich da immer weiter rein und gucken halt eben, was geht so vor sich.“
Daniel Vogel, Projektstelle zu Verschwörungsideologien in einem Jugendverband
Wenn Jugendliche in Workshops von Trägern der außerschulischen politischen Bildung von abstrusen Welterklärungsmustern ihrer Freund:innen oder Verwandten erzählen
„Und dann kamen wir zu dem Punkt, wo sich eine junge Frau gemeldet hat und quasi erzählt hat, dass sie das sehr beschäftigt, dass ihr Onkel immer wieder von Verschwörungstheorien spricht und das nicht nur irgendwie in der Familien-WhatsApp-Gruppe macht, sondern auch bei Gesprächen, bei Familienfeiern, bei Geburtstagsfeiern, wann immer quasi er dabei ist, der Onkel. Und dass ihr Vater da sehr konfrontativ drauf reagiert und dass es dann immer ein Streitgespräch gibt vor der ganzen Familie. Und dass sie das sehr beschäftigt, weil das natürlich zwei Familienmitglieder sind und sie das nicht möchte, dass da immer dieser Streit entsteht, sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, nicht weiß, wie sie darauf reagieren soll. Weil das ja auch zum einen erwachsene Menschen sind, aber zum anderen halt Menschen, die sie sehr lieb hat und da auch nicht eine Beziehung abbrechen möchte. Und ja, da war einfach eine komplette Verzweiflung bei der jungen Frau und sie, wie so häufig in Workshops, dann so am liebsten so einen Drei-Punkte-Plan haben möchte, wie man jetzt mit dieser Situation umgehen kann. Wo ich dann leider immer nicht sagen kann, es gibt drei Schritte.“
Celina Klose, Projektstelle zu Verschwörungsideologien
Wenn bei Bildungsveranstaltungen Teilnehmer:innen dominant in die Diskussion eingreifen und erklären, nur Sie hätten hinter die Fassade geblickt und alle anderen seien von der Elite kontrolliert und würden bald vernichtet
„Wir haben wirklich auch Streiten gehabt. Wo er einfach nicht akzeptieren wollte, dass das nicht stimmt, was er da gelesen hat, weil das für ihn scheinbar alles irgendwie gut klang, ja? Und das hat ausgereicht, einfach. Und, ja, das fand ich abartig.“
Alice Lenz, Betroffene
Aus dieser Situation heraus ergeben sich Bedarfe und Herausforderungen für die Beratungs- und Bildungsarbeit, die dazu aufrufen, das professionelle Handeln zu qualifizieren. Um tiefer in Fälle, ihre Besonderheiten und die Bedarfe der Betroffenen einzutauchen, haben wir vier Fallbeispiele mulitmedial aufbereitet.

