Dieser Zeitstrahl zu Verschwörungserzählungen der letzten 800 Jahre zeigt eine Auswahl von Geschichten, die Menschen über Jahrhunderte bewegt, verunsichert und fasziniert haben. Eine geschichtliche Einordnung an wesentlichen Stellen macht sichtbar, wie eng diese Erzählungen mit gesellschaftlichen Umbrüchen verbunden sind. Gleichzeitig werden historische Bezüge zu aktuellen Verschwörungserzählungen hergestellt und es wird deutlich, dass alte Denkmuster auch heute noch erstaunlich lebendig sind.
Weitere Informationen finden sich im literaturbasierten Text „Verschwörungsideologien in Geschichte und Gegenwart“, der hier zum Download bereitsteht.

Die Ritualmordlegende entstand im 12. Jahrhundert in Europa und behauptet, dass Juden christliche Kinder entführen und töten würden, um ihr Blut für religiöse Rituale zu verwenden. Diese Verschwörungserzählung fand besonders in England und später in anderen Teilen Europas Verbreitung und führte zu Pogromen und Verfolgungen. Auch heute verbreitet sich die Ritualmordlegende in abgewandelten und ‚modernisierten‘ Erzählungen wie Pizzagate und dämonisiert damit Jüdinnen:Juden. Gerade in Krisenzeiten werden Sie als Verantwortliche für Unfälle oder soziale Missstände dargestellt.
Im Mittelalter, das etwa vom 5. bis zum 15. Jahrhundert dauerte, war die Gesellschaft stark von religiösen und feudalen Strukturen geprägt, wobei die Kirche eine zentrale Rolle im täglichen Leben und der politischen Ordnung spielte. In dieser Zeit entstanden viele Erzählungen, die geheime Machenschaften oder versteckte Bedrohungen von ‚Feinden des Glaubens‘ oder ‚Häretikern‘ darstellten, um Ängste zu schüren und Macht zu sichern. Oft wurden diese Erzählungen von der Kirche oder den Herrschenden genutzt, um die Bevölkerung zu kontrollieren, indem sie bestimmte Gruppen, wie Juden:Jüdinnen oder ‚Hexen‘ (Frauen), als Sündenböcke für Unheil oder Unglück darstellten und so die bestehende gesellschaftliche Ordnung und Herrschaft rechtfertigten.

Die Brunnenvergiftung ist eine mittelalterliche Verschwörungserzählung, die insbesondere während der Pestepidemien des 14. Jahrhunderts aufkam. Es wurde fälschlicherweise behauptet, Juden:Jüdinnen hätten Brunnen vergiftet, um die christliche Bevölkerung zu töten oder zu schwächen. Diese Verschwörungserzählung führte zu Verfolgungen jüdischer Gemeinden in weiten Teilen Europas und diente als angebliche Erklärung für die rasche Ausbreitung der Pest, indem sie Juden:Jüdinnen als Sündenböcke für das unbegreifliche Massensterben verantwortlich machte. Als Folge ereigneten sich an vielen Orten Pogrome, denen Juden:Jüdinnen zum Opfer fielen.

Die Verschwörungserzählungen rund um den Tempelritterorden entstanden nach dessen Auflösung im Jahr 1312 unter Papst Clemens V. und dem französischen König Philipp IV. Diese Erzählungen behaupten, dass die Templer nach ihrer offiziellen Zerschlagung im Geheimen weiterexistieren und an einem globalen Machtstreben arbeiten würden. Der Mythos um den Orden wurde über die Jahrhunderte hinweg von Schauergeschichten und Spekulationen befeuert, insbesondere durch Berichte über geheime Rituale und immense Reichtümer. Er ist bis heute Bestandteil zahlreicher Werke der Literatur und Popkultur, wie Dan Browns Roman „Sakrileg“ und dessen filmischer Adaptionen.

Die Verschwörungserzählungen rund um die Hexenverfolgung entstanden vor allem zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert in Europa und Nordamerika. In der Frühen Neuzeit – einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche – wurde behauptet, dass sogenannte Hexen, insbesondere Frauen, mit dem Teufel im Bunde stünden und magische Kräfte nutzen würden, um der Gesellschaft zu schaden. Diese Überzeugungen führten zu massenhafter Verfolgung, Folter und Hinrichtung von tausenden Menschen, die unter dem Verdacht der Hexerei standen. Die Hexenverfolgungen waren Ausdruck sozialer Ängste, Unruhen und religiöser Spannungen, die durch Misogynie und eine rigide Vorstellung von sozialer Ordnung weiter befeuert wurden.

Die Freimaurer sind eine traditionsreiche, weltumspannende Bruderschaft, die im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert in Europa entstand. Sie sind bekannt für ihre charakteristischen Rituale, Symbole und eine Betonung von humanistischen Werten der Aufklärung, persönlichem Wachstum und brüderlicher Verbundenheit. Verschwörungserzählungen stellen die Freimaurer oft als geheime Gesellschaft dar, die angeblich politische und wirtschaftliche Macht ausübt, was durch ihren verschlossenen Charakter und die Nutzung von Symbolen begünstigt wurde, obwohl es keine fundierten Beweise für solche Machenschaften gibt. Rechtsextreme Gruppen wie der antisemitische Germanenorden stellten die Freimaurerei fälschlicherweise als eine jüdisch gesteuerte Organisation dar, wodurch diese Verschwörungserzählung eine antisemitische Grundlage erhielt.

Die Verschwörungserzählungen über die Illuminaten beziehen sich auf den historischen Illuminatenorden, der im Jahr 1776 in Ingolstadt von Adam Weishaupt gegründet wurde. Der weltliche Orden setzte sich für die Aufklärung und gegen religiösen und monarchischen Einfluss ein, wurde jedoch bereits 1785 von den bayerischen Behörden verboten. In Verschwörungserzählungen und ihrer popkulturellen Aufbereitung werden die Illuminaten oft als geheime, allmächtige Gruppe dargestellt, die angeblich im Verborgenen weltpolitische Ereignisse kontrolliert, obwohl es keine Beweise für eine derartige Existenz oder Einflussnahme gibt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde diese Erzählung antisemitisch aufgeladen, als die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ mit dem Illuminatenorden in Verbindung gebracht wurden, wodurch die Behauptung aufkam, ‚die Juden‘ hätten sich heimlich in diesen Orden eingeschleust.
Die Französische Revolution von 1789 war ein epochales Ereignis, das die politischen und sozialen Strukturen Frankreichs und in der Folge ganz Europas grundlegend veränderte. Im späten 18. Jahrhundert befand sich Europa, insbesondere Frankreich, in einer Zeit tiefgreifender sozialer und politischer Ungleichheit. Die Mehrheit der Bevölkerung lebte in Armut, vor allem Bauern:Bäuerinnen und städtische Arbeiter:innen, während Adel und Klerus große Privilegien genossen und die Macht kaum teilten. Der Glaube an die Kirche prägte das Weltbild vieler Menschen stark und legitimierte oft die bestehende Ordnung. Gleichzeitig herrschten absolutistische Monarchen, deren Herrschaftsgewalt kaum hinterfragt wurde. Diese ungerechte Verteilung sowie die Einschränkung politischer Teilhabe führten zu wachsendem Unmut und Misstrauen, der später in der Französischen Revolution einen Ausdruck fand. In einem solchen Umfeld konnten Verschwörungserzählungen leicht auf fruchtbaren Boden fallen, da die Menschen nach Erklärungen für ihre schwierige Lage suchten.

Die Hohlerde-Verschwörungserzählung basiert auf der Vorstellung, dass die Erde im Inneren hohl sei und sich dort möglicherweise unbekannte Zivilisationen oder Welten befinden würden. Diese Idee wurde im 17., 18. und 19. Jahrhundert immer populärer als verschiedene Autoren, darunter John Cleves Symmes Jr., diese Theorie propagierten und behaupteten, es gäbe an den Polen der Erde Eingänge zu dieser unterirdischen Welt. Trotz wissenschaftlicher Widerlegungen hat die Idee in verschiedenen Formen immer wieder Anhänger gefunden und inspiriert bis heute Literatur und populäre Mythen.

Bis zur Antike glaubten einige Zivilisationen die Erde sei flach. Diese Vorstellung wurde jedoch in weiten Teilen der Welt mit den Erkenntnissen der antiken griechischen Wissenschaft widerlegt. Im 19. Jahrhundert erweckte Samuel Rowbotham die Idee wieder zum Leben, als er mit seiner ‚Zetetischen Astronomie‘ argumentierte, dass die Erde flach sei, was eine kleine Bewegung von Anhänger:innen in England und den USA anregte. In online communities und sozialen Medien erlebte die Flache-Erde-Theorie seit den 2000er Jahren eine weitere Welle der Popularität.

Im 19. Jahrhundert wurden medizinische Impfungen entwickelt, die es seitdem ermöglichten, die Bevölkerungen vor pandemischen Infektionskrankheiten zu schützen. 1874 führe Otto v. Bismarck nach einer vorausgegangenen Epidemie die Impfpflicht gegen Pocken ein. Zum Ende des 19., Beginn des 20. Jahrhunderts kamen allerdings auch viele esoterische Bewegungen auf, deren Vertreter:innen in den gerade erst entdeckten Impfungen eine Gefahr sahen und diese ablehnten. Die wissenschaftlich fundierte Medizin wurde als ‚Schulmedizin‘ diffamiert, die vielfach als ‚jüdisch unterwandert‘ dargestellt wurde. Damit sei die bösartige Absicht verbunden, das deutsche Volk in einem geheimen Plan durch massenweise (absichtlich tödliche) Impfungen vernichten zu wollen. Insofern ist eine vordergründig neutrale ‚Impfskepsis‘ schon seit den Ursprungszeiten medizinischer Impfungen explizit durch das Narrativ der jüdischen Weltverschwörung geprägt.

Die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ sind eine antisemitische Textsammlung, die Ende des 19. Jahrhunderts in Russland entstand und fälschlicherweise behauptet, es existiere ein jüdischer Plan zur Erlangung der Weltherrschaft. Diese Schriften, die als Mitschriften eines geheimen Treffens vermeintlicher jüdischer Führer präsentiert werden, entpuppten sich als Fälschung, basierend auf früheren politisch motivierten Verschwörungserzählungen. Trotz ihrer widerlegten Authentizität wurden die Protokolle – unter anderem durch Henry Ford oder die Nationalsozialisten – weltweit verbreitet und instrumentalisiert, um antisemitische Vorurteile zu schüren und politische Agenden zu fördern.
Der Erste Weltkrieg (1914–1918) war ein tiefgreifender globaler Konflikt, der die politischen und sozialen Strukturen Europas und der Welt nachhaltig erschütterte. Im Ersten Weltkrieg kämpften auf der einen Seite die Mittelmächte, vor allem Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich, gegen die Entente-Mächte, darunter Frankreich, Großbritannien, Russland und später auch die USA. Insgesamt starben etwa 17 Millionen Menschen durch Kampf, Hunger und Krankheiten. Der Krieg wurde ausgelöst durch komplexe Bündnisverpflichtungen, Nationalismus, Imperialismus sowie das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand im Jahr 1914. In der Zeit vor dem Krieg lebten viele Menschen in stark hierarchischen Gesellschaften, geprägt von Monarchien, Militärbündnissen und einem starken Nationalismus. Der Glaube an Fortschritt, Wissenschaft und technische Errungenschaften stand neben traditionellen religiösen Überzeugungen, während die politische Macht oft von autoritären Herrschern, Adel und Aristokraten ausgeübt wurde. Soziale Ungleichheiten, wirtschaftliche Spannungen und imperialistische Rivalitäten führten zu wachsendem Unmut und trugen zur Entfesselung des Krieges bei. In dieser Zeit wurden viele Erzählungen verbreitet, die versuchten, den Krieg als das Ergebnis geheimer Absprachen oder finsterer Pläne von internationalen Eliten darzustellen.

Die Dolchstoßlegende ist eine Verschwörungserzählung, die nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland populär wurde. Sie behauptet, dass die deutsche Armee auf dem Schlachtfeld unbesiegt geblieben wäre. Ihre Niederlage sei stattdessen durch Verrat von innen, insbesondere durch Zivilist:innen, Kommunist:innen/Sozialist:innen/Sozialdemokrat:innen, und Juden:Jüdinnen verursacht worden, die die Heimatfront „von hinten erdolcht" hätten. Diese Erzählung wurde von Militärs und nationalistischen Kreisen genutzt, um die Verantwortung für die Niederlage im Krieg von den militärischen und politischen Führungseliten abzulenken und diese stattdessen auf vermeintlich ‚undeutsche‘ Elemente der Gesellschaft zu schieben, und trug erheblich zur politischen Instabilität der Weimarer Republik bei.

Der Begriff ‚Red Scare‘ bezieht sich auf zwei Perioden eines intensiven Antikommunismus in den USA: Zunächst unmittelbar nach der Russischen Revolution 1917 und später während des Kalten Krieges, insbesondere in den 1940er und 1950er Jahren. In diesen Zeiten verstärkte sich die Angst vor kommunistischer Infiltration, was sich vor allem in der Verfolgung vermeintlicher Kommunist:innen und ihrer Sympathisant:innen äußerte. Die bekannteste Phase der Red Scare ereignete sich während der sogenannten McCarthy-Ära Anfang der 1950er Jahre, als der US-Senator Joseph McCarthy mit weitreichenden Vorwürfen und öffentlichen Anhörungen eine antikommunistische Hetzjagd initiierte. Diese Verschwörungserzählungen stellten den Kommunismus als existenzielle Bedrohung für die amerikanische Gesellschaft dar und führten zu umfassenden sozialen und politischen Repressionen.

Eine bekannte Karikatur in der nationalsozialistischen Propagandaschrift „Der Stürmer“ von 1932 zeigt eine Mutter, die ein Kleinkind auf dem Arm trägt, das von einem als jüdisch markierten Arzt geimpft wird. Die Bildunterschrift lautete: „Es ist mir sonderbar zu Mut, denn Gift und Jud tun selten gut.“ Die Einführung der Pocken-Impfpflicht im Kaiserreich wurde einer ‚jüdischen Verschwörung‘ zugeschrieben und entsprechend diffamiert.
Der Zweite Weltkrieg (1939–1945) war ein globaler Konflikt von enormem Ausmaß, der Europas politische Landschaft und die internationale Ordnung nachhaltig veränderte. In der Zeit vor dem Krieg lebten viele Menschen in wirtschaftlicher Unsicherheit, politischer Instabilität und wurden von aufkommendem Nationalismus und totalitären Regimen geprägt, insbesondere dem Nationalsozialismus in Deutschland. Dieser verbreitete systematisch Judenhass und Antisemitismus, der nicht nur tief in der Gesellschaft verwurzelt war, sondern staatlich gefördert und zur Verfolgung und Ermordung von Millionen Juden:Jüdinnen führte. Die Macht wurde autoritär ausgeübt, politische Gegner wurden mit Propaganda, Gewalt und Repressionen unterdrückt. Diese unterdrückerischen und hetzerischen Strukturen trugen maßgeblich zur Entfesselung des Krieges bei, der durch den deutschen Überfall auf Polen ausgelöst wurde. In diesem von Angst und Feindbildern geprägten Umfeld fanden auch zahlreiche Verschwörungserzählungen Verbreitung, die zur weiteren Polarisierung und Gewalt beitrugen.

Holocaust-Verschwörungserzählungen behaupten fälschlicherweise, dass der Holocaust—die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden:Jüdinnen durch das NS-Regime während des Zweiten Weltkriegs—entweder stark übertrieben oder vollständig erfunden sei. Verschwörungsanhänger:innen zufolge soll der Holocaust von jüdischen Organisationen und Propagandisten der Alliierten erfunden oder aufgebauscht worden sein, um politische und finanzielle Vorteile zu erlangen. Diese Erzählungen, bekannt als Holocaustleugnung, ignorieren und verfälschen überwältigende historische Beweise, Augenzeugenberichte, Dokumente und Geständnisse von Nazi-Täter:innen. Holocaustleugnung ist eine Form des Antisemitismus, die darauf abzielt, das Leiden der Opfer zu negieren, die Verantwortung der Täter zu mindern und antisemitische Vorurteile zu fördern. In vielen Ländern ist die Leugnung des Holocausts strafrechtlich verboten, da sie ein Angriff auf die historische Wahrheit und das Andenken an die Opfer darstellt.

Die Verschwörungserzählung der ‚New World Order‘ (NWO) behauptet, dass eine geheime, elitäre Gruppe danach strebe, eine autoritäre Weltregierung zu errichten, die die nationale Souveränität beseitige und die Menschheit kontrollieren würde. Diese Idee gewann im 20. Jahrhundert an Bedeutung, insbesondere nach den beiden Weltkriegen und mit der Gründung internationaler Institutionen wie der Vereinten Nationen. In den 1990er Jahren erlebte die Verschwörungserzählung einen Aufschwung, befeuert durch geopolitische Veränderungen nach dem Kalten Krieg und der verstärkten Globalisierung. Die NWO-Erzählung basiert auf der antisemitischen Verschwörungserzählung über eine jüdische Weltherrschaft.

Die Idee einer ‚Verschwörung der Frauen gegen Männer‘ ist eine Verschwörungserzählung, die davon ausgeht, dass Frauen systematisch und kollektiv handeln, um Männer zu unterdrücken und aus gesellschaftlichen Machtpositionen zu verdrängen. Sie wurde vor allem als Reaktion auf die Fortschritte der Frauenrechtsbewegung im 20. und 21. Jahrhundert verbreitet. Mit der Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit, durch gesetzliche Veränderungen und feministische Bewegungen ab den 1960er Jahren, gab es immer wieder Behauptungen, Frauen arbeiteten insgeheim daran, Männer zu schwächen und ihnen Rechte und Privilegien abzunehmen. Diese Erzählungen nutzen Ängste vor sozialem Wandel und versuchen, die Gleichstellung zu untergraben. Eine besonders markante Ausprägung ist die sogenannte ‚Incel‘-Bewegung.

In den 1980er Jahren publizierten Michelle Smith und Lawrence Pazder den Roman „Michelle Remembers“, der von rituellen Gewalttaten in satanistischen Sekten und Psychogruppen handelt. Daraufhin breitete sich insbesondere in den USA, aber auch in Deutschland eine Art kollektiver Panik vor der Übermacht solcher Gruppen aus, die in der Folge ‚Satanic Panic‘ genannt wurde. Dass es sich bei den im Roman beschriebenen Praktiken um ein verbreitetes Phänomen handelte, konnte nie bestätigt werden. Trotzdem breiteten sich Verschwörungserzählungen aus, die viele tausende unbestätigte Fälle sahen. Insbesondere konservative und christlich fundamentalistische Akteure richteten die Verschwörungserzählung schließlich gegen neue Jugendkulturen wie Heavy Metal, Dungeons and Dragons, Hippies oder das Fernsehen. In der Satanic Panic finden sich Elemente der Ritualmordlegende wieder. Sie kann als ein Vorläufer zu Pizza Gate betrachtet werden.
Unabhängig von Phänomenen wie der Satanic Panic ist es wichtig, dass tatsächlichen Fällen von (ritueller) sexualisierter Gewalt konsequent Aufmerksamkeit geschenkt und mit größter Sorgfalt nachgegangen wird.

Die Verschwörungserzählung über die ‚Deutschland GmbH‘ ist insbesondere in rechtsideologischen, extrem rechten und Reichsbürger-Kreisen populär. Sie behauptet, dass die Bundesrepublik Deutschland kein souveräner Staat, sondern ein noch immer von den Alliierten bzw. den USA gelenktes Unternehmen sei. Diese Erzählung entstand und verbreitete sich vor allem ab den 1980er und 1990er Jahren, verstärkt im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 und den damit verbundenen Unsicherheiten zur Souveränität. Anhänger:innen führen oft vermeintliche Rechtsanomalien und Fehlinterpretationen von historischen Dokumenten an, insbesondere in Bezug auf den Zwei-plus-Vier-Vertrag und das Grundgesetz, um ihre Behauptungen zu untermauern. Obwohl diese Erzählung in rechtsgerichteten, extrem rechten und verschwörungsideologischen Kreisen weit verbreitet ist, entbehrt sie jeglicher rechtlicher und historischer Grundlage.

Die Reichsbürger:innenszene besteht aus vielen kleinen Splittergruppen und lehnt die Legitimität der Bundesrepublik Deutschland als Staat ab. Große Teile der Reichsbürger- und Selbstverwalterszene behaupten stattdessen, das Deutsche Reich bestehe weiterhin fort. Reichsbürger:innen versuchen folglich eigene protostaatliche Verwaltungsstrukturen aufzubauen. Die Bewegung entstand in den 1980er Jahren und gewann insbesondere seit den 2000er Jahren an Sichtbarkeit. Behörden stufen die Reichsbürger:innen als Gefahr für die öffentliche Sicherheit ein, da sie durch ihre Ideologien zur Gewaltbereitschaft neigen und Gesetze sowie staatliche Institutionen nicht anerkennen.

Die Verschwörungserzählung der ‚Chemtrails‘ entstand Ende der 1990er Jahre und behauptet, dass die Kondensstreifen, die von Flugzeugen am Himmel hinterlassen werden, in Wirklichkeit chemische Substanzen enthalten, die absichtlich versprüht werden, um die Bevölkerung zu manipulieren oder zu schädigen. Anhänger:innen dieser Erzählung nehmen oft an, dass Regierungen oder geheime ‚Eliten‘ hinter diesen angeblichen Sprühaktionen stehen, um das Wetter zu kontrollieren oder gesundheitsschädigende Effekte bzw. Gedankenkontrolle zu verursachen. Die Kondensstreifen bestehen jedoch tatsächlich nur aus harmlosen Eiskristallen, die sich unter bestimmten atmosphärischen Bedingungen bilden.

Die Verschwörungserzählung rund um HAARP (High-Frequency Active Auroral Research Program) entstand in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren und behauptet, dass die Forschungseinrichtung, die ursprünglich vom US-Militär betrieben wurde, in der Lage sei, das Wetter zu manipulieren oder sogar Gedankenkontrolle auszuüben. Anhänger:innen dieser Erzählung glauben, dass HAARP gezielte Naturkatastrophen verursachen oder das Klima beeinflussen kann, obwohl die wissenschaftliche Gemeinschaft solche Behauptungen entschieden zurückweist. Tatsächlich war das Primärziel von HAARP die Untersuchung der Ionosphäre.

Die Verschwörungserzählung des ‚Großen Austauschs‘ behauptet, es gebe einen gezielten Plan, die einheimischen Bevölkerungen westlicher Nationalstaaten, insbesondere in Europa, durch Migrant:innen zu ersetzen. Den Begriff ‚Großer Austausch‘ prägte der französische Schriftsteller und Intellektuelle Renaud Camus Anfang der 2010er Jahre, um seine Vorstellung zu beschreiben, dass die einheimische europäische Bevölkerung durch Zuwanderung aus nicht-europäischen Ländern systematisch ersetzt werde. Anhänger:innen dieser Erzählung behaupten, dass Regierungen, internationale Organisationen oder sogenannte ‚Eliten‘ diese demografischen Veränderungen bewusst fördern, um die nationale Identität zu schwächen. Diese Erzählung dient oft als Rechtfertigung für migrationsfeindliche und rassistische Einstellungen und wird von extrem rechten Gruppierungen instrumentalisiert.

Verschwörungserzählungen rund um den Klimawandel entstanden und verbreiteten sich besonders ab den 1990er Jahren, nachdem der menschengemachte Klimawandel als wissenschaftlicher Konsens zunehmend anerkannt wurde. Mit dem wachsenden öffentlichen Bewusstsein für die globale Erwärmung und den internationalen Klimaschutzbemühungen wie dem Kyoto-Protokoll (1997) begannen einige Kritiker:innen, die Existenz oder Ursachen des Klimawandels in Frage zu stellen. Die Verschwörungserzählungen behaupten häufig, dass die Existenz oder die Ursachen der globalen Erwärmung von Regierungen oder ‚Eliten‘ übertrieben oder gar erfunden werden, um politische Kontrolle zu erlangen oder wirtschaftliche Vorteile zu erzielen. Einige Erzählungen unterstellen, dass wissenschaftliche Institutionen und Forschungsgruppen entlang einer geheimen globalen Agenda arbeiten, um die ungefährliche Wahrheit über das Klima zu manipulieren oder zu verbergen.

Die Anschläge auf das World-Trade-Center und das Verteidigungsministerium (Pentagon) der USA vom 11. September 2001 werden auf vielfältige Weise verschwörungsideologisch gerahmt. Verschwörungserzählungen behaupten beispielsweise, dass die Anschläge von der Neuen Weltordnung in Auftrag gegeben worden seien, um Kriege und globale Expansion zu rechtfertigen. Eine weitere antisemitische Behauptung, die eine Verschwörung vermeintlich zu untermauern scheint ist, dass es keine jüdischen Opfer gegeben habe, da diese angeblich im Vorfeld gewarnt wurden und sich in Sicherheit bringen konnten.

Die Verschwörungserzählung über einen Deep State behauptet, dass es eine geheime Gruppe von ‚Eliten‘ gebe, zu der wahlweise Geheimdienstler:innen, Militärs, Politiker:innen, Prominente, Milliardäre, NGOs und Finanzinstitutionen sowie Medienhäuser und Medienvertreter:innen gehören. Diese Gruppen werden entweder einzeln oder in variierenden Konstellationen beschuldigt, im Hintergrund als Geheimorganisation das Staatswesen zu kontrollieren und demokratische Prozesse gezielt zu manipulieren. Diese Erzählungen sind strukturell antisemitisch, indem sie Jüdinnen:Juden als Teil der vermeintlich manipulativen ‚Eliten‘ darstellen oder sogar als Drahtzieher hinter dieser ‚Elite‘.

Incels, eine Kurzform für ‚involuntary celibates‘ (unfreiwillig sexuell enthaltsame Menschen), sind Mitglieder einer internationalen (Online-)Subkultur, die aus zumeist jungen Männern besteht, die glauben, aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbilds oder anderer gesellschaftlicher Einflussnahme keine romantischen oder sexuellen Beziehungen führen zu können. Sie pflegen ein tief misogynes Frauenbild und vertreten die Auffassung, dass jedem Mann eine Frau, insbesondere ihre sexuelle Verfügbarkeit ‚zustehe‘. Dies führt zu Verschwörungserzählungen, in denen Frauen sich in böser Absicht der Partnerschaft mit Männern verweigern und insofern verantwortlich für ihre mangelnde Sexualität sind. Diese führt oft zu einer radikalen und feindseligen Einstellung gegenüber Frauen und der Gesellschaft insgesamt.

Die Verschwörungserzählung ‚Pizzagate‘, die den direkten Vorläufer zu QAnon bildet, behauptet, dass prominente Personen aus Politik, Medien und Unterhaltung, einschließlich der demokratischen Politikerin Hillary Clinton, in satanische und pädophile Handlungen verwickelt sind. Insbesondere wurde verbreitet, dass demokratische Politiker:innen im Keller einer Pizzeria in Washington D.C. Kinder gefangen hielten, um aus ihrem Blut ein angeblich lebensverlängerndes Serum zu gewinnen. Diese Behauptung ist eng verbunden mit antisemitischen Ritualmordlegenden und wurde später von QAnon-Anhängern als Grund aufgeführt, um Donald Trumps politische Mission zu unterstützen, diese angebliche Verschwörung aufzudecken und zu beenden. Eine beschuldigte Pizzeria in Washington, D.C. wurde von einem bewaffneten Verschwörungsanhänger gestürmt.

Bei „Q“ handelt es sich um ein Synonym einer oder mehrerer anonymer („Anon“) Personen, unter dem seit 2017 auf dem message board 4chan vermeintlich geheime Informationen vermeintlich aus ‚dem Inneren der Regierung‘ verbreitet wurden. Die extrem rechten und antisemitischen Inhalte wurden zunächst in der US-amerikanischen extremen Rechten und der MAGA-Bewegung (‚Make America Great Again‘) der Trump-Anhänger populär. QAnon propagiert die Vorstellung eines Deep States, sowie die Idee eines Kinderhändlerrings, der beabsichtige sogenanntes ‚Adrenochrom‘ aus Kinderblut, zu gewinnen, das von ‚Eliten‘ zur eigenen Verjüngung genutzt werde. Im Kontext der Proteste gegen die Coronamaßnahmen und Impfungen fanden die unter QAnon verbreiteten Verschwörungserzählungen eine globale Anhängerschaft, insbesondere auch in Deutschland.
In den 2010er und 2020er Jahren spielen Verschwörungserzählungen eine zunehmend prominente Rolle, verstärkt durch den Aufstieg sozialer Medien, die eine schnelle und weite Verbreitung solcher Desinformationen ermöglichen. Auf diesen Plattformen kann sich Misstrauen gegenüber redaktionellen Medien und Institutionen leicht entwickeln, da Algorithmen oft Inhalte bevorzugen, die polarisieren und emotionalisieren. In einer Zeit globaler Unsicherheiten, wie Pandemie, wirtschaftlicher Krisen und geopolitischer Spannungen, finden Verschwörungserzählungen fruchtbaren Boden, indem sie scheinbar einfache Antworten auf komplexe Probleme liefern und gleichzeitig Gemeinschaften schaffen, die sich durch ein gemeinsames Gefühl von Misstrauen und vermeintlich geheimer Erkenntnis zusammenschließen.

Die Verschwörungserzählungen rund um die - Ende der 2010er Jahre aufkommende - 5G-Technologie gewannen besonders während der COVID-19-Pandemie ab 2020 an Bedeutung. Sie behaupten, dass diese neue Mobilfunktechnologie gesundheitsschädlich sei oder sogar gezielt zur Kontrolle oder Schädigung der Bevölkerung eingesetzt werde. Einige Erzählungen bringen 5G mit der Verbreitung von COVID-19 in Verbindung, indem sie behaupten, die Strahlung schwäche das Immunsystem oder verbreite das Virus direkt. Diese Erzählungen haben in einigen Fällen zu Protesten und sogar Angriffen auf 5G-Infrastruktur geführt. Dabei werden die Risiken der elektromagnetischen Strahlung oft stark übertrieben oder falsch dargestellt, obwohl zahlreiche wissenschaftliche Studien keine gesundheitlichen Gefahren nachweisen konnten. Die Angst vor 5G-Technologie ist zudem eng mit generellem Misstrauen gegenüber Regierungen, Konzernen und wissenschaftlichen Institutionen verbunden, was die Verbreitung solcher Verschwörungserzählungen weiter begünstigt.

Rund um die COVID-19-Pandemie (Ende 2019 bis 2022) gibt es zahlreiche Verschwörungserzählungen, die die Herkunft und Gefährlichkeit des Virus betreffen und beispielweise behaupten, es diene als Vorwand für globale Kontrollmaßnahmen. Einige Erzählungen verbreiten die Vorstellung, dass die Pandemie geplant wurde, um wirtschaftliche oder politische Ziele, wie die Schwächung demokratischer Freiheitsrechte erreichen, oder dass Impfstoffe Teil eines groß angelegten Überwachungs- oder Bevölkerungsreduktionsprogramms seien.
Das historisch schon angelegte Narrativ einer absichtlich schädlichen Impfung in Verbindung mit der ‚jüdischen Weltverschwörung‘ führte unter anderem bei Protestbewegungen im Kontext der Corona-Pandemie zu offen antisemitischen Ausbrüchen verschiedenster Arten, etwa dem Tragen eines ‚Judensterns‘ mit der Aufschrift „ungeimpft“, der eine wirre Täter-Opfer Umkehr und Relativierung der Shoah darstellt. Auch wurde der Vorwurf erhoben, Bill Gates würde beabsichtigen, durch die während der Impfung insgeheim implementierten Mikrochips die Kontrolle über die Menschen zu übernehmen.
Die in diesem Zeitstrahl verwendeten Bilder wurden mit Unterstützung der KI-Anwendung Midjourney generiert

