Die hier aufgeführte Darstellung der Gefahren, die durch Verschwörungsideologien für unterschiedliche soziale Nahräume entstehen, beziehen sich insbesondere auf Paarbeziehungen, Freund:innenschaften und Familien. Diese präsentierten Daten beruhen auf einer von uns durchgeführten qualitativen Studie, die tiefgehende Einblicke in die Erfahrungen Betroffener bietet. Ergänzend dazu stützen sich die weiterführenden Informationen zu gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen auf fundierte, externe Quellen (siehe Quellenverzeichnis). Mit dieser Seite möchten wir nicht nur die oftmals auftretenden Belastungen und Konflikte im sozialen Nahraum von Verschwörungsanhänger:innen sichtbar machen, sondern auch die weitreichenden Herausforderungen aufzeigen, die sich daraus für das Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft ergeben.
Wir zeigen Schritt für Schritt, welche Gefahren aus Verschwörungsideologien resultieren können.
Der Aufbau folgt dabei einer wachsenden Perspektive – von der individuellen Beziehungsebene bis hin zur gesellschaftlichen Dimension: Zunächst betrachten wir die Gefahren für Paarbeziehungen, anschließend die Gefahren für Familien und Freundschaften. Darauf aufbauend geht es um die Folgen für soziale Gruppen und Institutionen – und schließlich um die Gefahren für Gesellschaft und Politik.
Damit möchten wir verdeutlichen: Radikalisierungsprozesse durch Verschwörungsideologien betreffen nicht nur einzelne Personen. Sie wirken in alle sozialen Bindungen hinein – vom unmittelbaren Nahraum bis zur gesellschaftlichen Ebene – und können in der Summe das Vertrauen, den Zusammenhalt und die demokratische Kultur gefährden.
Gefahren für …
… Paarbeziehungen
Verschwörungsideologien in Paarbeziehungen können sich auf vielfältige Weise auf die betroffenen Personen auswirken. Intensive emotionale Bindungen und häufig bestehende soziale, ökonomische und/oder emotionale Abhängigkeitsverhältnisse machen Paare besonders vulnerabel, wodurch sich erlebte psychosoziale Auswirkungen intensivieren können. Betroffene berichten häufig von Agitationen, dem Versuch der (politischen) Beeinflussung durch verschwörungsaffine Partner:innen. Übergreifend berichten Betroffene, dass die Verschwörungsanhängigkeit ihrer Partner:innen je nach Intensität und Grad einer Radikalisierung zu erheblichen psychischen Belastungen führt, die von Wut, Trauer, Ohnmacht, Rat- und Hilflosigkeit über Stress, Ängste, Sorgen sowie Scham- und Schuldgefühle bis hin zu Verwirrung, Selbstzweifeln und Vertrauensverlust reichen.
Hinzu kommen erhebliche Kommunikationsprobleme, wenn unterschiedliche Weltanschauungen aufeinandertreffen: Das Verständnis füreinander kann verloren gehen. Missionierungsversuche sowie die Abwertung abweichender Meinungen können die Vertrauensbasis der Beziehung nachhaltig untergraben. Davon berichtet eine Betroffene mit dem Pseudonym Jana Wagner, die Diskreditierung durch ihren Ex-Partner erfährt, der Anhänger des ‚Königreich Deutschland‘ ist.
„[…] viele konnten damit nix anfangen, ja, dieses wenn, wenn der Partner ständig sagt: ‚Du verstehst es einfach noch nicht. Und ich wünschte, dass du irgendwann AUCH diese Erkenntnis bekommst und AUFWACHST und auf dieser Ebene sein kannst, wo ich mich jetzt gerade befinde.‘ Und also so dieses also, man war eigentlich, oder ich war dann eigentlich von ihm in eine Position gesetzt, dass ich noch klein und dumm bin und er hat schon die Weisheit und die Erkenntnis, er weiß es doch besser und er wünscht uns SO, seiner Familie und uns, dass wir auch diesen Erkenntnisstand bekommen und diese Weisheit bekommen.“
Jana Wagner, Betroffene
Hier deutet sich auch an, dass nicht nur das gegenseitige Verständnis in der Paarbeziehung leidet, sondern auch das Verständnis von Dritten für die veränderte Dynamik dieser Paarbeziehung, worunter die betroffene Person doppelt leidet. Dieses Muster erinnert an das Phänomen der sekundären Viktimisierung.
In der Paarbeziehung können Unterhaltungen von verschwörungsideologischen Inhalten ‚geflutet‘ werden, wobei die verschwörungsaffine Person eine dominante Rolle einnimmt. Alltägliche oder beziehungsrelevante Themen können oft kaum noch besprochen werden, da die Perspektive der Verschwörungsanhänger:innen sämtliche Gespräche dominiert.
„Und es ist im Zuge dieser ganzen Geschichte, da hatte ich so eine Erfahrung, da hat meine Frau mir anderthalb Stunden alles, alles an Verschwörungszeug zusammengereimt, hintereinanderweg erzählt, alles verwurstet. Also das geht doch gar nicht, aber es geht, es funktioniert wirklich. Da sitzt du dann so daneben so: Ich weiß gar nicht, was ich sagen darf. Und irgendwann war es so, dass ALLE Gespräche sich immer wieder auf diese Themen hin konzentriert haben: ‚Ach, ist das heute warm‘, ‚na ja, Klimawandel gibt es ja nicht‘, oder dies oder jenes oder die böse Regierung oder was auch immer. Und so ist das zu Hause. Und dann war für mich eigentlich nur, der einzige Weg war die Flucht, da rauszukommen, weil ich habe das nicht mehr ausgehalten. Bin auch krank geworden dadurch. Ich hatte ganz dolle Herzprobleme und sowas.“
Frederik Treuber, Betroffener
Der Betroffene mit dem Pseudonym Frederick Treuber berichtet aus seiner eigenen Beziehungserfahrung mit seiner verschwörungsaffinen Ex-Frau, dass die anhaltenden Belastungen in der Paarbeziehung zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen führen können. Dabei spielt insbesondere die Dauer der belastenden Situation eine entscheidende Rolle. Länger andauernder Stress, wie er unter Umständen bei monatelangem oder jahrelangem, starkem Einfluss durch verschwörungsaffine Personen im eigenen häuslichen Umfeld auftritt, kann das Risiko für psychische und physische Beeinträchtigungen deutlich erhöhen. Daraus können erhebliche psychotherapeutisch relevante Symptome und psychische Krankheitsbilder hervorgehen. Die ständige Konfrontation mit verschwörungsideologischen Inhalten wird von einigen Betroffenen als ‚Psychoterror‘ erlebt.
Auch Mio Kolibri (Pseudonym) berichtet über die gesundheitlichen Belastungen, die durch den Umgang mit ihrem verschwörungsideologischen Ex-Partner entstanden sind. Besonders belastend sind Fragen und Entscheidungen, die das gemeinsame Kind betreffen. Dabei geht es beispielsweise um Impfungen oder den Schulbesuch, da diese Themen immer wieder Konflikte auslösen und die emotionale Anspannung erneut verstärken.
„Dann wurde sich auf die Studie von Andrew Wakefield gestützt, der damals diese zwölf Kinder da mit Autismus und Impfungen in Zusammenhang gebracht hat und so. Und, genau, also, wenn man sich dann mit der Thematik beschäftigt hat, war dann relativ klar, okay, er ist da in dieser Blase drinnen. Und ich erreiche ihn mit meinen Quellen auch nicht. Also das bringt jetzt auch nichts, dem irgendwas entgegenzusetzen. Und ich habe dann irgendwann gesagt / Also ich hatte dann schlimme Schlafprobleme. Ich konnte dann auch nicht mehr / Hatte Panikattacken, Nervenzusammenbrüche und musste ja aber trotzdem irgendwie, ja, einen Alltag bewältigen, mit Kind und Job, 40 Stunden. Und alles, was irgendwie eben auch dranhängt, mit so einem ADHS belastetem Kind.“
Mio Kolibri, Betroffene
… Familien
Familienmitglieder, die Verschwörungserzählungen anhängen, können eine besondere Gefährdung für das Kindeswohl darstellen, da Kinder dabei häufig instrumentalisiert und manipuliert werden. In einigen Fällen ist sogar bekannt, dass Kinder aus Angst vor Liebesentzug oder Aggressionen eine Zustimmung zu Verschwörungserzählungen vorspielen. Die besonderen Machtasymmetrien in Eltern-Kind-Beziehungen verstärken diese Problematik erheblich, da Kinder sich nicht eigenständig aus solchen Situationen befreien können und dadurch oft in starke Loyalitätskonflikte geraten. Markus Braun und Mio Kolibri (Pseudonyme) sprechen über die Schwierigkeiten, die in der Beziehung zu den eigenen Kindern entstehen können, wenn verschwörungsaffine Ex-Partner:innen diese in Loyalitätskonflikte bringen.
„Also es gibt halt die Möglichkeit, Kinder in Loyalitätskonflikte zu bringen. Und da sitzt halt derjenige, bei dem die Kinder leben, halt in Deutschland / Also der sitzt halt am längeren Hebel. […] Und er hat sich dann halt irgendwann in dem Loyalitätskonflikt auf die Seite der Mutter geschlagen, was völlig nachvollziehbar ist. Und seitdem besteht halt auch gar kein Kontakt mehr.“
Markus Braun, Betroffener
„Und ich habe dann eben auch / weil ich ganz oft mitbekommen habe, dass [Name des Sohnes] immer wieder gesagt hat, wie schlimm das für ihn ist, dass er sich zwischen uns entscheiden muss. Und dass ihn das verletzt und dass er seinen Papa liebt und seine Mama liebt.“
Mio Kolibri, Betroffene
Verschwörungsaffine Eltern können sich nicht nur im engen Familienkreis negativ auswirken, sondern führen häufig auch dazu, dass Kindern das über den Familienkontext hinausreichende soziale Miteinander verwehrt wird – meist verbunden mit dem Versuch, sie vom Schulbesuch abzuhalten. Diese Praxis verdeutlicht eine zentrale Herausforderung auch für die Kinder- und Jugendhilfe, die vor die Aufgabe gestellt ist, eine Balance zwischen dem Erziehungsrecht der Eltern, dem Schutz der Familie vor staatlichen Eingriffen und der Notwendigkeit zu (sozialpädagogischer) Intervention, wenn das Kindewohls gefährdet ist – in diesem Fall im Kontext der Schule als zentraler, gesellschaftsbildender Institution – herzustellen.
Die Schule spielt eine entscheidende Rolle dabei, Kindern Bildungschancen zu ermöglichen, ihre Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und ihnen gesellschaftliche Teilhabe zu eröffnen. Werden Kinder jedoch aufgrund verschwörungsideologischer Überzeugungen ihrer Eltern vom Schulbesuch abgehalten, sind ihre Bildungs- und Entwicklungschancen massiv gefährdet. Dies führt nicht nur zu unmittelbaren Bildungsdefiziten, sondern kann auch langfristige Einschränkungen in der Bildungs- und Berufsbiografie nach sich ziehen und sich auf soziale Kompetenzen und soziale Bildungschancen auswirken. Darüber hinaus verstärkt die Isolation von gesellschaftlichen Bildungseinrichtungen die ideologische Indoktrination und erschwert den Zugang der Kinder zu vielfältigen Perspektiven und sozialen Erfahrungen. Die im Jugendamt tätige Fachkraft Miriam Möller (Pseudonym) sieht insbesondere die Stigmatisierung dieser Kinder problematisch.
„Das, denke ich, ist ein Riesenpunkt. Und auch, dass die Kinder so eine Sonderrolle bekommen, indem sie ja, das werden, werden ja auch andere Kinder fragen: ‚Wieso gehst DU eigentlich nicht in die Schule? Und wieso geht das bei euch? Und was machst du den ganzen Tag?‘.“
Miriam Möller, Fachkraft im Jugendamt; Mio Kolibri, Betroffene
Darüber hinaus können Verschwörungsideologien zu tiefgreifenden Spaltungen und emotionalen Achterbahnfahrten innerhalb der Familie führen, die sich nicht nur zwischen Partner:innen oder Eltern und (kleinen) Kindern, sondern häufig auch zwischen verschiedenen erwachsenen Generationen manifestieren. Diese Konflikte verändern das familiäre Miteinander grundlegend und erschweren den Zusammenhalt erheblich. Matthias Baumann (Pseudonym) berichtet von einer erwachsenen Ratsuchenden, die sich Sorgen um ihre Eltern macht, weil ihr verschwörungsgläubiger Vater sich und seine Ehefrau von der Krankenversicherung abmelden möchte.
„[…] um vielleicht noch mal so ein bisschen […] den Grad der Besorgnis oder teilweise auch Verzweiflung, Schrägstrich, Ratlosigkeit der Tochter deutlich zu machen, ist es vielleicht noch ganz interessant zu wissen, dass diese ABLEHNUNG des deutschen Staates durch den Vater, dass er es so konsequent gehandhabt hat, dass er zum Beispiel gesagt hat: ‚Krankenversicherung brauche ich nicht, will ich nicht, kündige ich. Sowohl für mich‘, also jetzt aus Sicht des Vaters gesehen, ‚als auch für die Ehefrau.‘ Was natürlich im Falle eines Falles zu sehr großen Schwierigkeiten hätte führen können. Und das eben auch ein Teil der großen Sorgen der Tochter war.“
Matthias Baumann, Fachkraft in einer Beratungsstelle für Verschwörungsideologie
Betroffene finden sich häufig in einem Nähe-Distanz Zwiespalt: Sie sind einerseits emotional mit den verschwörungsaffinen Angehörigen verbunden, andererseits erleben sie diese durch die ideologischen Differenzen jedoch sehr weit entfernt. Häufig entschließen sie sich aus Selbstschutz dazu, den Kontakt oder die Nähe einzuschränken. Darüber hinaus empfinden Familienmitglieder oft Schuldgefühle, etwa wenn sie sich wiederholt fragen, ob sie die Entwicklung hin zu einer verschwörungsideologischen Weltsicht ihrer Angehörigen hätten verhindern können. Die Fachkraft mit dem Pseudonym Felix Schuster spricht über die Schuldgefühle einer Ratsuchenden gegenüber ihren älteren Eltern, die unter der verschwörungsideologischen Affinität ihres Bruders litten.
„Sie sieht sich gerade als sehr SCHWACH, als eigentlich eine gescheiterte Persönlichkeit, so. Und ist da stark mit Schuldfragen auch (unv.). Also, sie spielt immer wieder im Kopf dasselbe Spiel durch. Hätte sie nicht anders reagieren müssen? Wäre es dann anders gekommen? Was hat alles dazu geführt? Was hat sie alles falsch gemacht? Also, diese Schuldvorwürfe sind ein richtig großes Thema bei ihr, das sie mit sich rumschlägt.“
Felix Schuster, Fachkraft in einer Beratungsstelle für Verschwörungsideologie
… Freundschaften
Freundschaften können stark unter den Auswirkungen von Verschwörungsideologien leiden, da dadurch häufig das gemeinsame Wertegerüst, das Freundschaften trägt, erschüttert wird. So kann es zu Missionierungsversuchen, zur Ablehnung oder Diskreditierung abweichender Meinungen kommen, wenn beispielsweise ein:e enge:r Freund:in an Verschwörungserzählungen glaubt. Es kommt auch vor, dass sich Personen zurückziehen und sich in der umgangssprachlichen Blase der Verschwörungsideologie verlieren. Beides kann eine zunehmende Entfremdung zwischen Freund:innen zur Folge haben. Lilly Krämer (Pseudonym) erlebte die Distanzierung eines langjährigen Freundes aus einer gemeinsamen Freund:innengruppe, der in seiner Blase verschwand.
„Auch wenn man ihm selbst noch zum Geburtstag gratuliert, kommt da auch nichts mehr, auch kein Dankeschön und gar nichts mehr. Also er ist da wahrscheinlich komplett für sich und, ja, lebt in seiner eigenen Blase irgendwo, was uns auch schon traurig stimmt, auf alle Fälle.
Lilly Krämer, Betroffene
Der Umgang mit verschwörungsaffinen Freund:innen belastet die Betroffenen insbesondere auf Dauer emotional. Gefühle von Frustration, Ohnmacht und Überforderung treten häufig auf und spiegeln die Hilflosigkeit wider, mit der viele konfrontiert sind. Freund:innen sind oft unsicher, wie sie angemessen auf die Situation reagieren können, was zusätzlichen Stress und Konflikte erzeugt.
Ein weiterer Aspekt ist, dass Freund:innenschaften tendenziell eher zerbrechen als partnerschaftliche Beziehungen, da die emotionale Bindung und Verbindlichkeit oft weniger intensiv sind. Zudem ist der Umgang mit verschwörungsaffinen Freund:innen in bestimmten Konstellationen nicht damit zu bewältigen, diese Haltung genauso wie eine gewöhnliche ‚nervige‘ Eigenschaft zu ignorieren, sondern stellt für viele eine besondere Herausforderung dar. Dies berichtet auch die Betroffene Hedwig Zimmermann (Pseudonym), die sich in Corona-Zeiten von einer sehr guten Freundin distanzierte.
„Letztendlich, ich sage mal, aus dieser ganzen Nummer / Ich habe mich dann da entfernt oder bin jetzt auch die Einzige, die aus dieser Gruppe keinen Kontakt mehr zu ihr hat und alle anderen haben da jetzt, sage ich mal, so drüber hinweggesehen.“
Hedwig Zimmermann, Betroffene
… Gesellschaft und Politik
Verschwörungserzählungen sind ein inhärent soziales Phänomen, da ihre Bedeutung oft aus ihrem spezifischen sozialen Kontext abgeleitet wird (Bergmann et al., 2020, S. 259). Bestehende Machtstrukturen in der Gesellschaft werden insbesondere dadurch in Frage gestellt, dass negative Ereignisse bestimmten Gruppen zugeschrieben werden (Imhoff & Bruder, 2014, S. 39). Verschwörungserzählungen können hochpolitisch sein, da sie häufig auf bestimmten Vorstellungen von Macht und Autorität basieren (Bergmann et al., 2020, S. 259), sie weisen somit ein großes Potenzial für politische Agitation und Verunsicherung auf (Hessel et al., 2022, S. 10).
Die Forschung zeigt, dass sich Verschwörungserzählungen negativ auf die Gesellschaft auswirken. So führt der Konsum solcher Erzählungen zu einer verminderten Bereitschaft, sich politisch oder gesellschaftlichen zu engagieren, etwa dadurch den eigenen CO2-Fußabdruck zu verringern (Lewandowsky & Cook, 2020, S. 3). Auf die Relevanz der gesellschaftlichen Ebene in der Diskussion um Verschwörungserzählungen geht auch die Fachkraft Celina Klose (Pseudonym) ein, als sie von ihren Erfahrungen mit Schüler:innen und Lehrkräften berichtet.
„Und darüber mit den jungen Menschen zu sprechen, ist manchmal sehr schwierig, weil sie dann so diese gesellschaftliche Ebene nicht ganz schaffen. Also sie denken dann eher darüber nach, dass sie das lustig finden und ihnen das egal ist, ob irgendeine Person jetzt glaubt, dass die Erde flach ist oder nicht. Aber sie schaffen es nicht, so darüber nachzudenken, was das für unsere Demokratie bedeutet, wenn man sich nicht mehr Fakten äußern kann. […] Und mit Lehrkräften und Multiplikator*innen ist das / die finden alle Verschwörungstheorien sehr gefährlich, außer sie / also ich hatte auch schon Lehrkräfte, die da manchmal so: ‚Ja, aber es ist sehr gut, kritisch zu sein.‘ Wo ich sage: ‚Ja, kritisch sein ist immer gut, aber es gibt einen Unterschied zwischen kritisch sein und irgendwie zu glauben, Regierungen auf der Welt manipulieren uns alle und all das.‘.“
Celina Klose, Fachkraft in einer Projektstelle zu Verschwörungsideologien
Öffentlichen Einrichtungen wie Schulen oder Verwaltungen, die spezielle gesetzliche und pädagogische Aufgaben erfüllen, sind durch das Eindringen verschwörungsideologischer Positionen in ihrer Handlungsfähigkeit und ihrem Beitrag zum sozialen Zusammenhalt erheblich gestört. So berichtet Peter Yilmaz, der im Rahmen seines Lehramtsstudiums sein Praxissemester an einer Schule absolviert hat, von einer Lehrkraft, die im Lehrer:innenzimmer Verschwörungserzählungen verbreitete.
„Also es gab auch, und das halte ich zum Beispiel für etwas Gefährlicheres, Verschwörungserzählungen seitens der Lehrkräfte. Da bin ich auch schon mal drauf gestoßen. Und das war mal Thema im Kontext Coronaimpfungen. […] Aber da gab es auch den Gedanken, dass wir von einer gewissen Elite regiert werden. Und das hat der sich dadurch erklärt, dass sowohl Merkel als auch Annalena Baerbock oder auch diverse andere Politiker wie Macron eine gewisse Schulung hinter sich gebracht haben. Ich habe jetzt / da gab es IRGENDEINE, irgendeine Organisation, die junge politisch interessierte Menschen in irgendetwas ausbilden. Und da waren wohl viele Führungspersönlichkeiten. Und er hat dann argumentiert, dass das eventuell so DER Ort sein könnte, wo die Elite ihre Puppen ausbildet quasi, genau, so. Das war schon wild (lacht).“
Peter Yilmaz, Betroffener
Verschwörungsanhängige Personen nutzen öffentliche Räume manchmal gezielt, um ihre in großen Teilen menschen- und demokratiefeindlichen Vorstellungen/Ideologien zu verbreiten. Dies geschieht in Form aggressiver Diskussionen, Demonstrationen oder über Flyer, die beispielsweise antisemitische Inhalte transportieren oder zu Gewalt gegen Politiker:innen und staatliche Institutionen aufrufen. Solche Aktionen laden öffentliche Orte mit bedrohlichen und spaltenden Botschaften auf und beeinträchtigen dadurch sowohl das Sicherheitsgefühl als auch die demokratische Kultur des gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Ein Merkmal von Verschwörungsideologie ist, dass sie resistent gegenüber rationalen Argumenten ist, und sich Faktenchecks oder Expert:innenwissen entzieht, da Anhänger:innen diese selbst als Teil der vermeintlichen Manipulation deuten. Insofern verhindern sie systematisch den pluralistischen, evidenzbasierten Diskurs, der Grundlage jeder Demokratie ist. Verschwörungsideologien entwerfen ein antidemokratisches Weltbild, das pluralistische Gesellschaften ablehnt. Abweichende Meinungen werden nicht toleriert, zu Teilen werden Minderheitenrechte missachtet und stattdessen eine ‚Herrschaft des (vermeintlich homogenen) Volkes‘ gefordert. Nationalistische Narrative innerhalb völkisch-autoritärer Verschwörungserzählungen inszenieren das jeweilige Volk als Opfer und relativieren oder leugnen dabei Verbrechen des NS, faschistischer oder anderweitig autoritärer Regime. Weitere Verschwörungserzählungen reduzieren komplexe Zusammenhänge, wie den Kapitalismus, auf personalisierte Feindbilder, die häufig in antisemitische Stereotype münden. Zudem verbreiten Verschwörungsideolog:innen gesundheitsgefährdende Empfehlungen, etwa durch Ablehnung von bestimmten Impfungen oder die Nutzung gefährlicher ‚alternativer‘ Heilmethoden.
Steigen Verschwörungserzählungen im gesellschaftlichen Relevanzniveau und werden nicht mehr stigmatisiert, können sie erheblichen Schaden für Demokratien anrichten: Indem sie den öffentlichen Diskurs untergraben, Kompromissfähigkeit erschweren und Misstrauen gegenüber politischen Institutionen fördern. Ihre Deutungsstruktur – wonach geheime Eliten die Macht ausüben – delegitimiert demokratische Verfahren wie Wahlen und schwächt das politische Interesse sowie die Partizipation. Darüber hinaus können Verschwörungserzählungen als Katalysator für Radikalisierung (Lamberty, 2020, S.8) wirken, extreme Weltbilder verfestigen und zu Gewalt beitragen.
Rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppen nutzen Verschwörungserzählungen bewusst als Werkzeug, um ihre politische Agenda durchzusetzen und Misstrauen in der Gesellschaft zu verbreiten (Lamberty 2020, S. 8).
Und wer ‚sollte‘ das Problem lösen? Der politische Bildner Alexander Busse (Pseudonym) hebt die Rolle politischer Akteur:innen hervor, die seiner Meinung nach in der Bekämpfung von Verschwörungsideologie eine besondere Verantwortung haben:
„[…] also ich glaube, Politik hat hier einfach auch eine Bringschuld. Wenn sich Politik immer nur selbst zerlegt, ja, und da schaue ich auch auf meinen eigenen Laden, also das ist schwierig. Wie soll ich denn in solche Menschen und Gruppen Vertrauen haben, wenn die nicht meine Probleme lösen im Alltag? Ich glaube, wenn sich Politik und gesellschaftliche Akteure als Problemlöser nicht nur inszenieren, sondern auch tatsächlich Erfolge vorweisen können und sich da halt manches Mal auch am Riemen reißen, noch mehr als bisher und, jede Seite sagt immer, die anderen müssen doch mal ideologiefrei darangehen, ja? Das erwartet immer jeder. Und gesunder Menschenverstand hat auch jeder für sich gepachtet. Aber ich glaube, das muss am Schluss auf jeden Fall rüberkommen, dass Probleme gelöst werden. Weil ich gebe meine Stimme den PROBLEMLÖSERN und nicht denen, denen ich es halt nicht zutraue.“
Alexander Busse, Fachkraft in der politischen Bildung
Es zeigt sich, dass die Gefahren von Verschwörungsideologien weit über den unmittelbaren, sozialen Nahraum hinausreichen: Sie wirken von der Mikroebene persönlicher Beziehungen bis hin zur gesellschaftlichen und politischen Ebene und können dort maßgeblich zur Verstärkung antidemokratischer Einstellungen beitragen.
Quellen:
Bayrischer Landtag (2021): Verschwörungstheorien. Eine Publikation zur Aufklärung und Aufarbeitung, S. 30 ff. (Abfrage: 18.02.2026).
Bergmann, Einkur; Dyrendal, Asbjorn; Harambam, Jaron; Thórisdóttir, Hulda (2020): Society and politics. Introduction. In: Butter, Martin; Knight, Peter (Hrsg.): Routledge handbook of conspiracy theories. London, New York: Routledge, S. 259-262
COMPACT Education Group (2020): Leitfaden Verschwörungstheorien. (Abfrage: 20.02.2026).
Hessel, Florian; Luy, Mischa;Chakkarath, Pradeep (2022): Verschwörungsdenken: Zwischen Populärkultur und politischer Mobilisierung. Zu Semantik, Strukturen und Funktionen einer Wahrnehmungs- und Deutungskultur: Eine Einleitung. In: Hessel, Florian; Chakkarath, Pradeep; Luy, Mischa (Hrsg.): Verschwörungsdenken. Zwischen Populärkultur und politischer Mobilisierung. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 9-30.
Imhoff, Roland; Bruder, Martin (2014): Speaking (Un–)Truth to Power: Conspiracy Mentality as A Generalised Political Attitude. European Journal of Personality, 28(1), 25–43.
Lamberty, Pia (2020): Verschwörungsmythen als Radikalisierungsbeschleuniger: Eine psychologische Betrachtung, In: Expertisen für Demokratie. (Abfrage: 20.02.2026).
Rathje, Jan; Kahane, Anetta; Baldauf, Johannes; Lauer, Stefan (2015): No World Order. Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. Amadeu Antontio Stiftung (Hrsg.), S. 9 f. (Abfrage: 20.02.2026).

