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Betrof­fene, die im sozia­len Umfeld mit Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie kon­fron­tiert sind, reagie­ren auf Grund­lage ihrer bis­he­ri­gen Lebens­er­fah­rung zunächst spon­tan auf diese Her­aus­for­de­rung und ent­wi­ckeln über die Zeit bestimmte Hand­lungs- und Bewäl­ti­gungs­mus­ter. Die Ergeb­nisse der quan­ti­ta­ti­ven Online­be­fra­gung von Fach­kräf­ten und der qua­li­ta­ti­ven Inter­views mit Betrof­fe­nen zei­gen, dass es selbst­be­zo­gene und inter­ak­tio­nale Hand­lungs- und Bewäl­ti­gungs­mus­ter gibt sowie sol­che, die Kin­der ein­be­zie­hen.

Wel­che Hand­lungs- und Bewält­gungs­mus­ter ent­wick­lent die Rats­su­chen­den […]?
Die Rats­su­chen­den … (n=358)

Grafik Handlungs- und Bewältigungsmuster

Selbst­be­zo­gene Stra­te­gien: Sich selbst sta­bi­li­sie­ren

Viele Betrof­fene ver­su­chen zunächst, sich selbst zu sta­bi­li­sie­ren und zu ent­las­ten. Dazu gehört häu­fig, sich inten­siv mit Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien zu beschäf­ti­gen – etwa durch Medi­en­be­richte, Fach­li­te­ra­tur oder Pod­casts. Die­ses Wis­sen hilft, Aus­sa­gen bes­ser ein­zu­ord­nen und sich weni­ger hilf­los zu füh­len. So berich­ten 37,7% der befrag­ten Fach­kräfte, dass Betrof­fene ver­su­chen, sich über Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen zu infor­mie­ren. Andere gehen bewusst den ent­ge­gen­ge­setz­ten Weg und mei­den ent­spre­chende The­men, um sich emo­tio­nal zu schüt­zen. Über 60% der Berater:innen und poli­ti­schen Bildner:innen berich­ten von Betrof­fe­nen, die ‚ver­schwö­rungs­an­fäl­lige’ The­men in Gesprä­chen mit Verschwörungsanhänger:innen (63,1%) oder den Kon­takt zu ihnen mei­den bzw. sich von ihnen distan­zie­ren (61,2%).

Die dau­er­hafte Kon­fron­ta­tion mit Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen und dar­aus resul­tie­rende soziale Kon­flikte stel­len eine große Stress­be­las­tung dar. Daher spielt Aus­gleich eine wich­tige Rolle: Sport, krea­tive Tätig­kei­ten, sozia­les Enga­ge­ment oder poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten schaf­fen Abstand und neue Per­spek­ti­ven. Beson­ders wich­tig ist für viele der Auf­bau sta­bi­ler sozia­ler Bezie­hun­gen außer­halb des kon­flikt­rei­chen Umfelds – also Freund­schaf­ten oder Netz­werke, in denen das Thema keine domi­nante Rolle spielt.

„Und das andere war, um jetzt so mit dem Stress und der Erschöp­fung klar­zu­kom­men, das war dann eher so, (prus­tet) keine Ahnung, Medi­ta­tion, […] Also ich habe es nicht so oft geschafft, Sport zu machen. Aber ich habe immer gemerkt, das hilft mir, aus die­ser kör­per­li­chen Anstren­gung raus­zu­kom­men […].“

Inter­ak­tio­nale Stra­te­gien: Zwi­schen Aus­hal­ten, Abgren­zen und Posi­tio­nie­ren

Im direk­ten Umgang mit ver­schwö­rungs­af­fi­nen Per­so­nen nut­zen Betrof­fene ganz unter­schied­li­che Stra­te­gien. Viele ver­su­chen es auch mit sach­li­chen Dis­kus­sio­nen: Sie recher­chie­ren, argu­men­tie­ren oder wider­le­gen ein­zelne Behaup­tun­gen. In der Fach­spra­che zum Thema Falsch­in­for­ma­tio­nen wird die­ses Vor­ge­hen ‚Debun­king’ genannt. Im Rah­men der Online­be­fra­gung berich­ten 40,5% der Fach­kräfte, dass Betrof­fene ver­su­chen, sich Argu­men­ta­ti­ons­stra­te­gien zu erar­bei­ten und diese anzu­wen­den. Diese Ansätze wer­den jedoch oft als wenig wirk­sam erlebt, da sehr unter­schied­li­che Medi­en­wel­ten und Wirk­lich­keits­vor­stel­lun­gen auf­ein­an­der­tref­fen.  Zudem ver­harm­lo­sen Betrof­fene anfangs die Situa­tion häu­fig, reagie­ren mit Iro­nie oder erklä­ren ihr Gegen­über für psy­chisch krank – vor allem, um emo­tio­na­len Druck abzu­bauen. 34,1% der Fach­kräfte geben an, dass Betrof­fene soziale Pro­bleme im Zusam­men­hang mit der Ver­schwö­rungs­af­fi­ni­tät von Per­so­nen in ihrem sozia­len Nah­raum ver­drän­gen oder ver­harm­lo­sen. Ebenso ver­brei­tet sind kon­flikt­ver­mei­dende Mus­ter wie Schwei­gen, Igno­rie­ren oder die the­ma­ti­sche Aus­blen­dung.

Stär­ker auf die Bezie­hungs­ebene aus­ge­rich­tet sind kom­mu­ni­ka­tive Stra­te­gien, die Eska­la­tio­nen ver­mei­den sol­len. Dazu gehö­ren gemein­same Akti­vi­tä­ten, Gesprä­che auf emo­tio­na­ler statt auf Sach­ebene oder eine bewusst gelenkte Gesprächs­füh­rung.

Nähe und Distanz regu­lie­ren

Ein zen­tra­les Thema ist die Frage nach Nähe und Distanz. Viele Betrof­fene redu­zie­ren den Kon­takt, legen für den Fall des Kon­tak­tes klare Gesprächs­re­geln fest oder begren­zen Tref­fen zeit­lich. Ein voll­stän­di­ger Kon­takt­ab­bruch wird meist als letz­ter Schritt gese­hen, wenn andere Stra­te­gien nicht mehr aus­rei­chen, um die eigene psy­chi­sche oder soziale Inte­gri­tät zu schüt­zen. So hören 30,7% der Fach­kräfte von Rat­su­chen­den und Bil­dungs­teil­neh­men­den, dass diese klare Grenze in der Kom­mu­ni­ka­tion set­zen, wenn Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen zur Spra­che kom­men.

Bera­tungs­stel­len berich­ten zudem von einem immer wie­der auf­tre­ten­den Pha­sen­ver­lauf: von anfäng­li­cher Sprach­lo­sig­keit über Eska­la­tio­nen bis hin zu bewuss­ter Distan­zie­rung oder einem Kon­takt­ab­bruch.

Unter­stüt­zung suchen und anneh­men

Ein wei­te­res wich­ti­ges Hand­lungs- und Bewäl­ti­gungs­mus­ter ist die Suche nach Unter­stüt­zung. 40,2% der Fach­kräfte sagen im Rah­men der Online­be­fra­gung, dass sich Betrof­fene diese bei Ver­wand­ten, Freund:innen oder ande­ren Per­so­nen in ihrem sozia­len Nah­raum holen. Online­fo­ren und Selbst­hil­fe­grup­pen bie­ten zusätz­lich Raum für Aus­tausch, Ent­las­tung und das Gefühl, mit der Situa­tion nicht allein zu sein.

„Aber mehr fast hat mir […] die Gruppe gege­ben. Denn du sitzt halt mit Leu­ten da, und du weißt nicht, was die […] mit­brin­gen, wenn du die noch nicht kennst. Und ein-fach nur vom Sit­zen und vom Erzäh­len und vom Hören, und man kann auch sei­nen Emo­tio­nen freien Lauf las­sen, also manch­mal haben Leute dann geweint und so, das ist ein­fach befrei­end. […] Aber sozu­sa­gen das Gefühl, nicht alleine mit die­sem Prob-lem zu sein, das hat die Gruppe gege­ben. Und das würde ich auch JEDEM emp­feh-len, der sowas hat: Sucht euch eine Gruppe, wo man / Und wenn man nur zuhört, ist scheiß­egal. Aber du brauchst eben andere Leute, die das Schick­sal tei­len, das ist UNENDLICH viel wert.“

Als beson­ders hilf­reich wer­den pro­fes­sio­nelle Ange­bote erlebt, vor allem von spe­zia­li­sier­ten Bera­tungs­stel­len, da sich Betrof­fene ins­be­son­dere hier ernst­ge­nom­men füh­len und lang­fris­tig beglei­tet wer­den kön­nen. Diese Stel­len ver­bin­den fach­li­ches Wis­sen mit kon­kre­ten Hand­lungs­emp­feh­lun­gen. 26% der Fach­kräfte ken­nen Betrof­fene, die Unter­stüt­zungs­an­ge­bote von Bera­tungs­stel­len in Anspruch genom­men haben. In stark belas­ten­den Situa­tio­nen gewin­nen auch Psy­cho­the­ra­pie, medi­zi­ni­sche Bera­tung oder recht­li­che Schritte an Bedeu­tung – etwa bei Bedro­hun­gen oder Fra­gen des Kin­der­schut­zes. Viele Betrof­fene erle­ben diese Schritte als wich­tige Stär­kung der eige­nen Hand­lungs­fä­hig­keit.

Wenn Kin­der betrof­fen sind

Sind Kin­der invol­viert, ver­än­dern sich die Stra­te­gien deut­lich. Eltern neh­men die eigene Belas­tung häu­fig in Kauf, um Kin­der vor ideo­lo­gi­scher Ein­fluss­nahme oder emo­tio­na­ler Belas­tung zu schüt­zen. Sie mode­rie­ren Kon­takte, set­zen klare Regeln und ach­ten auf emo­tio­nale Sta­bi­li­tät im Fami­li­en­all­tag. Gleich­zei­tig ist Rol­len­klar­heit wich­tig: Kin­der sol­len nicht in Loya­li­täts­kon­flikte gera­ten.

In eska­lie­ren­den Fäl­len wer­den Sorge- oder Umgangs­fra­gen recht­lich geklärt oder Kon­takte ein­ge­schränkt, um das Kin­des­wohl zu sichern.