Verschwörungsideologien im sozialen Nahraum haben in vielen Fällen erhebliche Auswirkungen auf den Alltag der Betroffenen. Die Daten des RaisoN-Projekts – sowohl quantitativ als auch qualitativ – zeigen, dass dabei vor allem psychische und soziale Folgen im Vordergrund stehen.
In einer Online-Befragung wurden Fachkräften der Sozialen Arbeit und der politischen Bildung eine Liste von möglichen Auswirkungen auf Betroffene in sechs Teilbereichen vorgelegt. Das folgende Diagramm zeigt die Häufigkeit, mit der mindestens eine der in diesem Teilbereich genannten Auswirkungen angekreuzt wurde.
Nennung von mindestens einer Auswirkung im jeweiligen Bereich.
In der Fachkräftebefragung wurden soziale Auswirkungen am häufigsten genannt (89,3 %), gefolgt von psychischen Belastungen (86,8 %,) und der Radikalisierung von Betroffenen durch die Präsenz von Verschwörungsanhänger:innen (79,3 %). Häufig sind mittelbar auch verschiedene Institutionen beteiligt, etwa Schulen, Gerichte oder psychosoziale Beratung.
Die qualitativen Interviews mit Fachkräften und Betroffenen differenzieren die Folgen weiter: Sie reichen von psychischen und psychosomatischen Belastungen über körperliche Beschwerden bis zu sozialen, wirtschaftlichen sowie beruflichen und bildungsbezogenen Auswirkungen. Im Alltag der Betroffenen sind sie häufig in unterschiedlicher Art und Weise miteinander verbunden.
Soziale Auswirkungen
In vielen Interviews mit Betroffenen und Fachkräften wird übereinstimmend berichtet, dass Verschwörungsideologien im sozialen Nahraum erhebliche Auswirkungen auf das soziale Miteinander haben: sie führen oftmals zu dauerhaften und dominanten Konflikten. Der Alltag in Partner:innenschaften, Familien und Freundeskreisen, in einigen Fällen auch unter Kolleg:innen am Arbeitsplatz ist häufig von intensiven Auseinandersetzungen geprägt. Besonders belastend zeigen sich diese Dynamiken in Paarbeziehungen, insbesondere dann, wenn minderjährige Kinder oder Jugendliche im Haushalt leben. Auch Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren (älteren) Eltern sind erheblich betroffenen, ebenso wie Großeltern-Enkelkind-Beziehungen.
Ein weiteres wiederkehrendes Muster im RaisoN-Datenmaterial ist die Distanzierung Betroffener von den Verschwörungsanhänger:innen, aber auch der zunehmende soziale Rückzug aus ihren Herkunftsfamilien oder Freundeskreisen. Dies kann zu einer sozialen Isolation Betroffener beitragen, vor allem wenn Verschwörungsanhänger:innen das soziale Geschehen dominieren und/oder mehrere Personen verschwörungsaffin sind. Diese Prozesse betreffen nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche, deren soziale Entwicklung durch mangelnden Außenkontakt nachhaltig beeinträchtigt werden kann.
Analog dazu zeigt sich auch, dass sich die Verschwörungsanhänger:innen ebenfalls von den Betroffenen abgrenzen und oft auch von anderen Angehörigen ihres sozialen Nahraumes, wenn diese keine Affinität zu Verschwörungsdenken haben.
Psychische, psychosomatische und körperliche Auswirkungen
Das Verhalten von Verschwörungsanhänger:innen im sozialen Nahraum kann viele Formen annehmen: darunter Abwertungen, Gaslighting (die gezielte psychische Destabilisierung durch das Leugnen gemeinsam erlebter Tatsachen), das Schüren sozialer Konflikte, Missionierungsversuche, Isolationsversuche, Drohungen, Verweigerung medizinischer Versorgung, psychische Gewalt, Vernachlässigung und in Einzelfällen körperliche Gewalt. Die berichteten Auswirkungen reichen von Irritationen und Nachdenklichkeit bis hin zu erheblichen psychischen, psychosomatischen und körperlichen Folgen. Genannt werden u. a.:
- psychische Belastungen wie Wut, Trauer, Ohnmacht, Stress, Ängste, Schuld- und Schamgefühle, Selbstzweifel und Vertrauensverlust
- psychosomatische Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen
- körperliche Auswirkungen, etwa infolge von Vernachlässigung
Die Dauer der belastenden Situationen sowie soziale, ökonomische oder emotionale Abhängigkeitsverhältnisse, insbesondere in Paar-, Eltern-Kind-Beziehungen und Großeltern-Kind-Enkelkind-Beziehungen, tragen zu einem größeren Umfang dieser Auswirkungen bei. Manche Betroffene vermeiden aus Scham oder Angst vor Stigmatisierung, über ihre Situation zu sprechen, was die soziale Isolation weiter vertieft.
Ein weiterer zentraler Befund ist, dass Betroffene ihr Vertrauen gegenüber Personen und Institutionen verlieren. Betroffene berichten davon nicht ernst genommen zu werden, von Ignoranz oder fehlender Solidarität, wenn sie sich an Dritte oder Institutionen wenden. Dies kann den Leidensweg verlängern und in einzelnen Fällen zu einem generalisierten Vertrauensverlust in Institutionen führen.
Radikalisierung/ Verunsicherung
In einem sozialen Nahraum, in dem Verschwörungsideologie verbreitet wird, sind auch bei weiteren Mitgliedern dieses Umfeldes Radikalisierungsprozesse zu beobachten. Das bestätigen knapp 80% der Fachkräfte. Folgende Indikatoren wurden bemerkt:
Die Präsenz von Verschwörungsanhänger:innen bewirkt bei anderen Mitgliedern des sozialen Umfelds, dass sie … (Mehrfachantwort möglich, n=391)
Auch wenn sich nicht das ganze Umfeld radikalisiert: bei einem Drittel wird gesehen, dass Betroffene auch selbst mehr zu Verschwörungserzählungen tendieren (dabei auch extrem rechte, antifeministische, rassistische und/ oder antisemitische Aussagen reproduzieren) und Kritik daran als Beweis dafür ansehen, Recht zu haben. Gut ein Sechstel duldet ebenso wie die Anhänger:innen von Verschwörungsideologie selbst keine Widersprüche mehr. Beides sind Indikatoren für ein zunehmend geschlossenes Weltbild. Von 13,0% der Fachkräfte wird sogar berichtet, dass Betroffene sich selbst verschwörungsideologischen Gruppierungen zuwenden. Die Linie zwischen Anhänger:innen von Verschwörungsideologie und Betroffenen, die keinerlei Tendenzen dahin zeigen, ist also keinesfalls trennscharf zu ziehen.
Ökonomische Auswirkungen
Verschwörungsideologien im sozialen Nahraum können auch ökonomische Auswirkungen entfalten – auch wenn diese deutlich seltener im Datenmaterial berichtet wurden als die sozialen und psychischen Auswirkungen. Ökonomische Auswirkungen können sowohl ambivalente als auch überwiegend nachteilige Effekte haben.
Einerseits kommt es zu ökonomischen Belastungen und ökonomischen Abstiegsprozessen. Beispiele dafür sind, dass Veschwörungsanhänger:innen keine staatlichen Leistungen beantragen, obwohl sie Anspruch darauf hätten, hohe Ausgaben für Gerichtsverfahren und Vertretungen durch Anwält:innen entstehen, kostenintensive Coachings, Workshops oder pseudowissenschaftliche Weiterbildungen in Anspruch genommen werden oder Produkte gekauft werden, die zum ‚Schutz‘ vor negativen Einflüssen wie ‚Erdstrahlen‘ oder der Vorbereitung auf eine schwerwiegende Krise (z.B. in der sogenannten Prepper-Szene) dienen.
Ideologisch motivierte Arbeitsverweigerung verschärft finanzielle Risiken zusätzlich. In schweren Fällen führen Überschuldung, unbezahlte Bußgelder und rechtliche Konflikte zu Privatinsolvenz, Wohnungslosigkeit oder Ersatzfreiheitsstrafen. Besonders belastend für Betroffene sind Verluste des gemeinsamen Vermögens, etwa durch den Verkauf von Immobilien oder Rücklagen zur Finanzierung ideologisch begründeter Auswanderungspläne. Diese Prozesse erzeugen neben finanziellen, auch erhebliche emotionale Belastungen für den soziale Nahraum.
In einigen Fällen zeigen sich auch ambivalente bzw. punktuell vorteilhafte ökonomische Effekte. Einzelne Verschwörungsgläubige erzielen Gewinne, etwa indem sie Coachings anbieten oder Vermögen in Gold und Kryptowährungen investieren. Diese ökonomischen Entscheidungen erfolgen teils ohne Wissen oder Zustimmung nahestehender Personen.
Insgesamt sind ökonomische Auswirkungen häufig eng mit sozialen, psychischen und berufsbiografischen Belastungen verwoben und verstärken bestehende Abhängigkeiten innerhalb von Familien- und Paarbeziehungen.
Bildungs- und berufsbiografische Auswirkungen
Verschwörungsideologien im sozialen Nahraum wirken sich auch auf Bildungs- und Berufsbiografien aus. Diese Dimension ist im RaisoN-Material weniger dominant als soziale oder psychische Auswirkungen, hat jedoch erheblichen Einfluss auf das Alltagsleben und die Zukunftschancen der Betroffenen.
Ein zentrales bildungsbezogenes Phänomen ist Schulabsentismus bei Kindern und Jugendlichen aus verschwörungsideologisch geprägten Haushalten. Kinder werden zeitweise oder dauerhaft davon abgehalten, zur Schule zu gehen. Die dazu notwendigen Strategien reichen von regelmäßigem Krankmelden über das Verweigern schulischer Auflagen bis hin zu Umzügen mit Abmeldung beim Einwohnermeldeamt ohne anschließende Ummeldung am neuen Wohnort, illegalem Homeschooling, häufigen Schul- und Wohnortwechseln oder vorübergehenden Auslandsaufenthalten ohne tatsächliche Verlagerung des Lebensmittelpunkts zur Umgehung der Schulpflicht.
Diese Maßnahmen erfolgen teilweise gegen den Willen der Kinder sowie gegen den Willen nicht verschwörungsaffiner Elternteile oder anderer Betroffener. Langandauernder Schulabsentismus führt zu erheblichen Leistungseinbußen, erschwert Schulabschlüsse und beeinträchtigt Bildungsbiografien nachhaltig. Darüber hinaus entzieht er Kindern und Jugendlichen einen zentralen Ort der Sozialisation außerhalb der Familie. Die Schule ist nicht nur Lernort, sondern auch wesentlicher Raum für den Erwerb sozialer Kompetenzen, demokratischer Grundwerte sowie die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Indem Kinder dem regulären Schulbesuch entzogen werden, kann der Staat seinem verfassungsrechtlichen Bildungsauftrag – Bildung für alle Kinder zu gewährleisten und zu gleichen Teilhabechancen beizutragen – nicht nachkommen. Dies kann eine Gefährdung des Kindeswohls darstelen. Zusätzlich werden Stigmatisierungen, Ausgrenzungen, Loyalitätskonflikte sowie eine verminderte schulische Leistungsfähigkeit beschrieben.
Berufliche Beeinträchtigungen treten häufig als Folge bestehender Belastungen im sozialen Nahraum auf. Anhaltende Konflikte, psychische Gewalt und Stress führen bei einigen Betroffenen zu Konzentrationsstörungen, Krankschreibungen und längerer Arbeitsunfähigkeit. In Familienunternehmen können ideologisch motivierte Steuerverweigerung oder rechtliche Auseinandersetzungen die wirtschaftliche Existenz von Betrieben gefährden und auch nicht-verschwörungsaffine Familienmitglieder in Mitleidenschaft ziehen.
Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche
Kinder und Jugendliche gehören zu den am stärksten betroffenen Personengruppen, wenn das familiäre Umfeld durch Verschwörungsideologien geprägt ist. Anders als Erwachsene befinden sie sich in innerfamiliären Abhängigkeitsverhältnissen, die durch erhebliche Machtasymmetrien gekennzeichnet sind: Sie können sich dem Einfluss verschwörungsideologisch denkender Bezugspersonen kaum entziehen und sind in ihrer Entwicklung, Sozialisation und Autonomieentfaltung unmittelbar davon abhängig, wie ihr familiäres Umfeld gestaltet ist. Dies macht sie besonders vulnerabel und die Auswirkungen in vielen Fällen tiefgreifender und nachhaltiger als bei erwachsenen Betroffenen.
Ihre Ratssuchenden berichten von folgenden Auswirkungen: Kinder und Jugendliche … (n=176)
Zusätzlich zu den bereits beschriebenen Auswirkungen erfahren Kinder und Jugendliche Ausgrenzung, Imageverlust sowie den Verlust von Freundschaften und Kontakten zu anderen Familienangehörigen – etwa wenn Eltern den Zugang zu Großeltern oder früheren Freundeskreisen aktiv unterbinden. Besonders prägend sind dabei Loyalitätskonflikte, in denen Kinder zwischen ihren Eltern auf der einen und Schule sowie anderen Bereichen ihres sozialen Nahraums auf der anderen Seite stecken. Diese Konflikte verschärfen sich erheblich, wenn ein Elternteil Verschwörungsanhänger:in ist und der andere nicht – eine Konstellation, die im Datenmaterial besonders deutlich hervortritt.
Darüber hinaus wird davon berichtet, dass auch Kinder und Jugendliche psychische Gewalt und außerdem Vernachlässigung aus verschwörungsideologischen Gründen erleben können (z.B. Einschränkung der gesundheitlichen Fürsorge durch die Eltern wegen vollständiger Ablehnung der Schulmedizin).
Beteiligung von Institutionen als Folge der Auswirkungen auf Betroffene
Institutionen sind vor allem dann eingebunden, wenn sich die Auswirkungen der Radikalisierung im sozialen Nahraum in konkretem Handeln, Gefährdungen des Kindeswohls oder Rechtsverstößen niederschlagen. Die Einbindung erfolgt häufig entlang von Eskalationsketten, beginnend bei Schulen oder Ärzt:innen bis hin zu Jugendamt, Familiengericht oder Polizei.
Darüber hinaus suchen einige Betroffene spezialisierte Beratungsstellen auf, wenn sie mit den sozialen und ideologischen Dynamiken überfordert sind oder spezifisches Fachwissen benötigen.

