Verschwörungsideologie stellt die politische Bildung vor Herausforderungen, wobei sich drei inhaltliche und strukturelle Probleme deutlich aus den RaisoN-Forschungsergebnissen herausarbeiten lassen.
Kombination von inhaltlicher Expertise und politikdidaktischem Know-how
Für politische Bildung gegen Verschwörungsideologie ist eine Kombination inhaltlicher Expertise zum Themenkomplex der Verschwörungsideologie ebenso wichtig wie politikdidaktisches Know-how. Das erfordert häufig eine eigenständige Beschäftigung mit Verschwörungsideologie und Antisemitismuskritik in der Freizeit, da es keine flächendeckende Implementierung in den Studiengängen der politischen Bildung, Erziehungswissenschaft oder Sozialen Arbeit gibt.
Durch die qualitative Fachkräftebefragung wurde deutlich, dass trotz gestiegener Sensibilisierung die grundsätzliche Disziplin der politischen Bildung ob der Komplexität von Verschwörungsideologie weiterhin einen bedeutenden professionellen Referenzrahmen bildet.
Die Vorstellung eines ‘Köfferchens‘ oder eines festen ‘Inventars‘, also der Wunsch nach Grundkenntnissen, die die Bearbeitung eines jeden Themas ermöglichen, ist verbreitet und zeigt sich beispielsweise anhand des folgenden Zitats eines politischen Bildners:
„Ich würde sagen, dass das Inventar schon ausreicht. Also ich würde sagen na ja, also unter uns (schmunzelnd) politische Bildung ist, glaube ich, ein wesentlicher Aspekt, um Verschwörungsideologien tatsächlich aufbrechen zu können oder zumindest darauf reagieren zu können. Also gerade diese Mischung aus einer Offenheit, die, aber ja auch vernünftige Debatten ermöglichen möchte, ne, also wo es, darum geht, so Kritikfähigkeit zu entwickeln, also sich selbst kritisieren zu lassen mit guten Argumenten, aber auch selbst mit guten Argumenten kritisieren zu können.“
Daniel Vogel, Projektstelle zu Verschwörungsideologien in einem Jugendverband
Hier vertritt der politische Bildner die These, dass Kritikfähigkeit und die Fähigkeit vernünftig zu debattieren zentrale Voraussetzung seien, um affektive und identitätsstiftende Funktionen von Verschwörungsideologie zurückzudrängen. Andere Fachkräfte sehen das pessimistischer und betonen die Langlebigkeit und Hartnäckigkeit von affekt-basierten Überzeugungen, die nur sehr schwer zu überwinden seien.
In der quantitativen Erhebung bei Fachkräften wurden vor allem Bedarfe mit inhaltlichem Bezug deutlich. Die Abbildung zeigt, dass Fachkräfte (hier Berater:innen und politische Bildner:innen, die nicht auf Verschwärungsideologie spezialisiert sind) vor allem in Bezug auf Materialien (50,1%) und Fortbildungen (46,8%) einen Bedarf sehen. Mehr als ein Drittel der Antwortenden (37,0%) sieht einen erhöhten Austausch- und Vernetzungsbedarf, nur jede:r fünfte Befragte meldete einen Beratungsbedarf an.
Zum Thema Verschwörungserzählungen haben wir für unsere Arbeit … (n=359)
Gesellschaftliche Krisen und Weiterentwicklung von Verschwörungsideologie
Verschwörungsideologie ist amorph und schillernd, sodass permanent neue Abwandlungen von Verschwörungserzählungen, Motiven und antisemitischen Codes entstehen und verbreitet werden. Das stetige inhaltliche Verfolgen von Verschwörungsideologie ist besonders wichtig. Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, wie wachsende soziale Ungleichheit und geopolitische Anspannungen, sowie die noch immer spürbaren sozialen Auswirkungen der Coronapandemie auf soziale Nahräume machen eine Abnahme von Verschwörungsideologie als attraktives Welterklärungsmodell unwahrscheinlich. Sie bietet scheinbar einfache Antworten auf Fragen, „die manchmal so abstrakt oder komplex sind, dass man sie nicht […] einfach erklären kann.“ (Anneliese Schröder, Beratungsstelle zu Verschwörungsideologien)
Dementsprechend scheint eine Verstetigung der geschaffenen Beratungs- und (Fort-)Bildungsstrukturen sinnvoll, um vorbereitet zu sein bzw. um vorzusorgen. „[Was] [w]ir natürlich haben, ist, dass Verschwörungstheorien auf aktuelle Krisen reagieren. Also ganz konkret ist immer noch zu beobachten, Russland, Ukraine ist ein Thema (Felix Schuster, Beratungsstelle zu Verschwörungsideologien). Ferner sind im RaisoN-Datenmaterial auch Langzeitfälle deutlich geworden, etwa wenn Angehörige im Reichsbürger-Milieu organisiert sind. Auch für diese spezifischen Beratungsanforderungen bedarf es einer kontinuierlichen Gewährleistung von Anlaufstellen.
Förderstrukturen
Die RaioN-Daten sprechen für ein hohes Aufkommen von verschwörungsideologie-bezogenen Fällen und für prekäre Arbeitsbedingungen. Die politischen Bildner:innen stehen im Rahmen der Förderstrukturen vor mehreren Herausforderungen, die eine kontinuierliche Arbeit erschweren: „Herausfordernde und zum Teil auch demotivierende Rahmenbedingungen.“ (Matthias Baumann, Beratungsstelle Verschwörungsideologien). Vor allem die projektförmige Förderlogik, der damit verbundene Innovationsdruck und die Dauerbefristung sind hier die Sorgen der Fachkräfte:
„Und das liegt daran, dass irgendwie nicht genug Gelder da sind und dass Leute immer nur drei Jahre an irgendwas / oder vier oder zwei an irgendwas arbeiten können und das dann abschließen müssen und danach so tun müssen, als wäre das Problem gelöst und sie jetzt was ganz Neues machen oder so.“
Anneliese Schröder, Beratungsstelle zu Verschwörungsideologien
Es bräuchte „also da einfach eine dauerhafte Finanzierung, um aus diesem Projektmodus rauszukommen“ (Matthias Baumann, Beratungsstelle Verschwörungsideologien). Innovationsdruck ist aufgrund der rasanten und stetigen Entwicklungen von Verschwörungsideologie ohnehin gegeben, langfristige Trägerentwicklung und Professionalisierung bedürfen jedoch langfristiger Planungssicherheit.

