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Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie stellt die poli­ti­sche Bil­dung vor Her­aus­for­de­run­gen, wobei sich drei inhalt­li­che und struk­tu­relle Pro­bleme deut­lich aus den Rai­soN-For­schungs­er­geb­nis­sen her­aus­ar­bei­ten las­sen.

Kom­bi­na­tion von inhalt­li­cher Exper­tise und poli­tik­di­dak­ti­schem Know-how

Für poli­ti­sche Bil­dung gegen Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie ist eine Kom­bi­na­tion inhalt­li­cher Exper­tise zum The­men­kom­plex der Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie ebenso wich­tig wie poli­tik­di­dak­ti­sches Know-how. Das erfor­dert häu­fig eine eigen­stän­dige Beschäf­ti­gung mit Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie und Anti­se­mi­tis­mus­kri­tik in der Frei­zeit, da es keine flä­chen­de­ckende Imple­men­tie­rung in den Stu­di­en­gän­gen der poli­ti­schen Bil­dung, Erzie­hungs­wis­sen­schaft oder Sozia­len Arbeit gibt.

Durch die qua­li­ta­tive Fach­kräf­te­be­fra­gung wurde deut­lich, dass trotz gestie­ge­ner Sen­si­bi­li­sie­rung die grund­sätz­li­che Dis­zi­plin der poli­ti­schen Bil­dung ob der Kom­ple­xi­tät von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie wei­ter­hin einen bedeu­ten­den pro­fes­sio­nel­len Refe­renz­rah­men bil­det.

Die Vor­stel­lung eines ‘Köf­fer­chens‘ oder eines fes­ten ‘Inven­tars‘, also der Wunsch nach Grund­kennt­nis­sen, die die Bear­bei­tung eines jeden The­mas ermög­li­chen, ist ver­brei­tet und zeigt sich bei­spiels­weise anhand des fol­gen­den Zitats eines poli­ti­schen Bild­ners:

„Ich würde sagen, dass das Inven­tar schon aus­reicht. Also ich würde sagen na ja, also unter uns (schmun­zelnd) poli­ti­sche Bil­dung ist, glaube ich, ein wesent­li­cher Aspekt, um Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien tat­säch­lich auf­bre­chen zu kön­nen oder zumin­dest dar­auf reagie­ren zu kön­nen. Also gerade diese Mischung aus einer Offen­heit, die, aber ja auch ver­nünf­tige Debat­ten ermög­li­chen möchte, ne, also wo es, darum geht, so Kri­tik­fä­hig­keit zu ent­wi­ckeln, also sich selbst kri­ti­sie­ren zu las­sen mit guten Argu­men­ten, aber auch selbst mit guten Argu­men­ten kri­ti­sie­ren zu kön­nen.“

Hier ver­tritt der poli­ti­sche Bild­ner die These, dass Kri­tik­fä­hig­keit und die Fähig­keit ver­nünf­tig zu debat­tie­ren zen­trale Vor­aus­set­zung seien, um affek­tive und iden­ti­täts­stif­tende Funk­tio­nen von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie zurück­zu­drän­gen. Andere Fach­kräfte sehen das pes­si­mis­ti­scher und beto­nen die Lang­le­big­keit und Hart­nä­ckig­keit von affekt-basier­ten Über­zeu­gun­gen, die nur sehr schwer zu über­win­den seien.

In der quan­ti­ta­ti­ven Erhe­bung bei Fach­kräf­ten wur­den vor allem Bedarfe mit inhalt­li­chem Bezug deut­lich. Die Abbil­dung zeigt, dass Fach­kräfte (hier Berater:innen und poli­ti­sche Bildner:innen, die nicht auf Ver­schwä­rungs­ideo­lo­gie spe­zia­li­siert sind) vor allem in Bezug auf Mate­ria­lien (50,1%) und Fort­bil­dun­gen (46,8%) einen Bedarf sehen. Mehr als ein Drit­tel der Ant­wor­ten­den (37,0%) sieht einen erhöh­ten Aus­tausch- und Ver­net­zungs­be­darf, nur jede:r fünfte Befragte mel­dete einen Bera­tungs­be­darf an.

Zum Thema Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen haben wir für unsere Arbeit … (n=359)

Gesell­schaft­li­che Kri­sen und Wei­ter­ent­wick­lung von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie

Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie ist amorph und schil­lernd, sodass per­ma­nent neue Abwand­lun­gen von Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen, Moti­ven und anti­se­mi­ti­schen Codes ent­ste­hen und ver­brei­tet wer­den. Das ste­tige inhalt­li­che Ver­fol­gen von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie ist beson­ders wich­tig. Aktu­elle gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen, wie wach­sende soziale Ungleich­heit und geo­po­li­ti­sche Anspan­nun­gen, sowie die noch immer spür­ba­ren sozia­len Aus­wir­kun­gen der Coro­na­pan­de­mie auf soziale Nah­räume machen eine Abnahme von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie als attrak­ti­ves Welt­erklä­rungs­mo­dell unwahr­schein­lich. Sie bie­tet schein­bar ein­fa­che Ant­wor­ten auf Fra­gen, „die manch­mal so abs­trakt oder kom­plex sind, dass man sie nicht […] ein­fach erklä­ren kann.“ (Anne­liese Schrö­der, Bera­tungs­stelle zu Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien)

Dem­entspre­chend scheint eine Ver­ste­ti­gung der geschaf­fe­nen Bera­tungs- und (Fort-)Bildungsstrukturen sinn­voll, um vor­be­rei­tet zu sein bzw. um vor­zu­sor­gen. „[Was] [w]ir natür­lich haben, ist, dass Ver­schwö­rungs­theo­rien auf aktu­elle Kri­sen reagie­ren. Also ganz kon­kret ist immer noch zu beob­ach­ten, Russ­land, Ukraine ist ein Thema (Felix Schus­ter, Bera­tungs­stelle zu Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien). Fer­ner sind im Rai­soN-Daten­ma­te­rial auch Lang­zeit­fälle deut­lich gewor­den, etwa wenn Ange­hö­rige im Reichs­bür­ger-Milieu orga­ni­siert sind. Auch für diese spe­zi­fi­schen Bera­tungs­an­for­de­run­gen bedarf es einer kon­ti­nu­ier­li­chen Gewähr­leis­tung von Anlauf­stel­len.

För­der­struk­tu­ren

Die RaioN-Daten spre­chen für ein hohes Auf­kom­men von ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie-bezo­ge­nen Fäl­len und für pre­käre Arbeits­be­din­gun­gen. Die poli­ti­schen Bildner:innen ste­hen im Rah­men der För­der­struk­tu­ren vor meh­re­ren Her­aus­for­de­run­gen, die eine kon­ti­nu­ier­li­che Arbeit erschwe­ren: „Her­aus­for­dernde und zum Teil auch demo­ti­vie­rende Rah­men­be­din­gun­gen.“ (Mat­thias Bau­mann, Bera­tungs­stelle Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien). Vor allem die pro­jekt­för­mige För­der­lo­gik, der damit ver­bun­dene Inno­va­ti­ons­druck und die Dau­er­be­fris­tung sind hier die Sor­gen der Fach­kräfte:

„Und das liegt daran, dass irgend­wie nicht genug Gel­der da sind und dass Leute immer nur drei Jahre an irgend­was / oder vier oder zwei an irgend­was arbei­ten kön­nen und das dann abschlie­ßen müs­sen und danach so tun müs­sen, als wäre das Pro­blem gelöst und sie jetzt was ganz Neues machen oder so.“

Es bräuchte „also da ein­fach eine dau­er­hafte Finan­zie­rung, um aus die­sem Pro­jekt­mo­dus raus­zu­kom­men“ (Mat­thias Bau­mann, Bera­tungs­stelle Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien). Inno­va­ti­ons­druck ist auf­grund der rasan­ten und ste­ti­gen Ent­wick­lun­gen von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie ohne­hin gege­ben, lang­fris­tige Trä­ger­ent­wick­lung und Pro­fes­sio­na­li­sie­rung bedür­fen jedoch lang­fris­ti­ger Pla­nungs­si­cher­heit.