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Bera­tung im Kon­text der Sozia­len Arbeit rich­tet sich im Sinne des Tri­pel­man­dats immer am staat­li­chen Auf­trag, den Anlie­gen der Adressat:innen und der eige­nen Pro­fes­si­ons­ethik aus. Im Rah­men des For­schungs­pro­jek­tes konn­ten die Bedarfe von Betrof­fe­nen sowohl durch direkte Befra­gung als auch aus Per­spek­tive von Bera­tungs­fach­kräf­ten erho­ben wer­den. In der Online­be­fra­gung wur­den fol­gende Prio­ri­tä­ten genannt:

Die Rat­su­chen­den, die den Umgang mit Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen in ihrem sozia­len Umfeld the­ma­ti­sie­ren, wün­schen sich … (Bera­tung, Mehr­fach­ant­wort mög­lich, n=278)

Berater:innen iden­ti­fi­zie­ren bei ihren Klient:innen zwei fast gleich­starke Haupt­an­lie­gen: 63,7 % geben an, dass Rat­su­chende kon­krete Hin­weise und Tipps bekom­men möch­ten, wie sie mit Verschwörungsanhänger:innen in ihrem sozia­len Umfeld umge­hen kön­nen. 62,9 % sehen, dass diese emo­tio­nale Unter­stüt­zung brau­chen wür­den.

Pro­fes­sio­nelle Bera­tung ist in der Lage, emo­tio­nale Unter­stüt­zung in den unter­schied­lichs­ten Lebens­la­gen zu geben. Es bedarf jedoch einer fach­spe­zi­fi­schen Kennt­nis einer­seits über Bezie­hungs- und Kon­flikt­dy­na­mi­ken in sol­chen Sys­te­men, ande­rer­seits einer mini­ma­len poli­tik-fach­li­chen Grund­lage um adäquat reagie­ren zu kön­nen. Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie ist eben keine ‚Mei­nung wie jede andere‘, son­dern drängt vor allem mit Blick auf die men­schen­rechts­ori­en­tierte Fun­die­rung Sozia­ler Arbeit zu einer kri­ti­schen Refle­xion auch durch Berater:innen, beson­ders, wenn völ­kisch-auto­ri­täre Ideo­lo­gie­frag­mente ver­brei­tet wer­den. Diese Refle­xion den Adressat:innen zur Ver­fü­gung zu stel­len, kann im Sinne von Selbst­ver­or­tung und empower­ment auch für diese hilf­reich sein:

„Also mir hat, mir hat Mut gemacht, […] zum einen zu wis­sen, ich bin da nicht die Ein­zige, der das pas­siert, ich sehe jetzt keine Gespens­ter, son­dern da gibt es wirk­lich was. Ne? Das ist jetzt nicht meine indi­vi­du­elle Über­emp­find­lich­keit, son­dern es gibt da wirk­lich was drau­ßen, was Rea­les, was ein schwie­ri­ges Sys­tem dar­stellt. Oder inner­halb des gan­zen Sys­tems wirk­lich auch ein Stör­fak­tor ist. So, ne? […] Das hat mir schon mal Mut gemacht und mich sel­ber dazu ermäch­tigt zu sagen: ‚nee‘. Und das ist jetzt wich­tig, dass ich gut auf mich auf­passe“

Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen, die im sozia­len Umfeld ver­brei­tet wer­den, erzeu­gen in allen beob­ach­te­ten Fäl­len eine oft sehr stark aus­ge­prägte Kon­flikt­dy­na­mik, die sich auf vie­len Ebe­nen aus­wirkt (siehe Wel­che Aus­wir­kun­gen haben sie auf das soziale Umfeld?). In der Situa­tion von eska­lier­ten Kon­flik­ten emp­feh­len auf Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie spe­zia­li­sier­ten Berater:innen ihren Rat­su­chen­den meis­tens, sie soll­ten sich weni­ger dar­auf kon­zen­trie­ren, Verschwörungsanhänger:innen von ihren Über­zeu­gun­gen abzu­brin­gen, weil die­ses Vor­ha­ben eher zu Eska­la­tio­nen führt, statt den Kon­flikt zu lösen. Den­noch sieht fast die Hälfte aller Berater:innen (47,1 %) genau darin ein Anlie­gen der Rat­su­chen­den: Sie wün­schen sich Argu­mente, um das Gegen­über umstim­men zu kön­nen und wol­len mehr Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Wis­sen über Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen haben (34,2%). Es ist eine per­ma­nente Her­aus­for­de­rung für Bera­tende, das Anlie­gen der Adressat:innen ernst zu neh­men und gleich­zei­tig dahin­ter lie­gende Bedürf­nisse zutage zu brin­gen, um ggf. hilf­rei­che Ver­schie­bun­gen der Auf­merk­sam­keit anzu­bie­ten.

Eska­lierte Kon­flikte zu beglei­ten, ist ein häu­fi­ges Anlie­gen an psy­cho­so­ziale Bera­tung, die im Falle von drei erwach­se­nen Geschwis­tern, die eine Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen ver­brei­tende Mut­ter haben, z.B. den Wunsch nach einem Mehr­per­so­nen­set­ting her­vor­ruft:

„Also die sagen, ihnen ist es zu anstren­gend, sie kön­nen nicht mehr, die Gesprä­che, die […] lau­fen immer gleich ab. [Der Kli­ent] hat sich gewünscht, dass wir einen Ter­min suchen, wo dann die drei Geschwis­ter, die Mut­ter und er, alle hier zu uns in die Bera­tungs­stelle kom­men und bera­ten wer­den.“

Eine Her­aus­for­de­rung für Berater:innen ist es, sich nach rea­lis­ti­scher Ein­schät­zung der eige­nen Kom­pe­ten­zen klar zu wer­den, ob und unter wel­chen Bedin­gun­gen neben den Betrof­fe­nen auch Per­so­nen, die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen ver­brei­ten, bera­ten wer­den kön­nen. Erschwert wird diese Ent­schei­dung dadurch, dass beide Per­so­nen­grup­pen nicht immer trenn­scharf von­ein­an­der zu unter­schei­den sind.

Die Bedarfe der Berater:innen und in poli­ti­schen Bildner:innen nach eige­ner pro­fes­sio­nel­ler Ent­wick­lung wer­den im Abschnitt Was sind Her­aus­for­de­run­gen für die poli­ti­sche Bil­dungs­ar­beit dar­ge­stellt.

Aus der Gesamt­schau der Ana­ly­sen las­sen sich Aus­bli­cke für die Pro­fes­si­ons­ent­wick­lung von Bera­tung ablei­ten:

  • Die Per­spek­tive jener Adressat:innen, die von Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen im sozia­len Nah­raum betrof­fe­nen sind wird bis­her zu wenig beach­tet. Daher ist es ange­ra­ten, auf diese zu fokus­sie­ren, um ein Ver­ständ­nis für Rele­vanz, Ent­wick­lungs­dy­na­mi­ken, Reak­ti­ons­mus­ter und Bedarfe zu erlan­gen. Diese konn­ten durch die vor­lie­gende For­schung erst­ma­lig im wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs sicht­bar gemacht wer­den.
  • Bera­tende müs­sen sich auch in die­sem Bereich im fach­lich wei­ten Sinne stän­dig qua­li­fi­zie­ren, um so „die gesell­schaft­li­chen Kon­text­be­din­gun­gen bera­te­ri­schen Han­delns per­ma­nent mit zu reflek­tie­ren. Um für sich genau die Auto­no­mie und Frei­heit zu behal­ten, wel­che es im Dia­log mit Rat­su­chen­den zu errin­gen gilt.“ (Schröd­ter 2016, S. 146). Diese Qua­li­fi­zie­rung sollte sowohl auf der indi­vi­du­el­len fach­li­chen Ebene statt­fin­den als auch in gesam­ten Arbeits­teams. Sie muss von einer insti­tu­tio­nel­len Stra­te­gie in Bezug auf die rele­van­ten The­ma­ti­ken getra­gen wer­den.
  • Fach­kräfte aus all­ge­mei­ner und spe­zia­li­sier­ter Bera­tung benö­ti­gen auch in die­sem The­men­feld einen engen und inter­dis­zi­pli­nä­ren Aus­tausch, um ihre eigene Arbeit qua­li­fi­zie­ren zu kön­nen. „Also, das muss so die Erfah­rung aus der psy­cho­so­zia­len Bera­tung zusam­men­brin­gen mit den Erkennt­nis­sen über Ver­schwö­rungs­glau­ben und den Umgang damit. Und das ist nach wie vor ein Man­gel, auch wenn es jetzt mehr Ange­bote gibt.“ (Anne­liese Schrö­der, Bera­tungs­stelle zu Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien) Dabei soll­ten soweit mög­lich bestehende Ver­net­zungs­struk­tu­ren genutzt und bei Bedarf auch the­men­be­zo­gen neue Kon­takte auf­ge­baut wer­den – nicht zuletzt, um eine adäquate Ver­weis­be­ra­tung in ver­schie­dene Rich­tun­gen zu ermög­li­chen.
  • Die Methode der Fall­ar­beit bie­tet sich beson­ders an, um die Kom­ple­xi­tät der Pro­blem­la­gen und Lösungs­pro­zesse erfas­sen zu kön­nen. Um adäquat bera­ten zu kön­nen, ist neben all­ge­mei­nen bera­te­ri­schen Pro­zess­kom­pe­ten­zen auch poli­tik- und medi­en­wis­sen­schaft­li­ches sowie macht­kri­ti­sches Fach­wis­sen nötig. Auf die­ser Infor­ma­ti­ons­platt­form wird die­ses Wis­sen zur Ver­fü­gung gestellt.
  • Hoch­schul­aus­bil­dung und Wei­ter­bil­dung der Bera­tung (und Super­vi­sion von Bera­ten­den) ist gefor­dert, gesell­schafts- und damit bera­tungs­re­le­vante The­men wie völ­kisch-auto­ri­täre Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie in ihre Qua­li­fi­zie­rungs­stra­te­gien auf­zu­neh­men. Gesell­schaft­li­che Pro­blem­la­gen, die sich auch im Pri­va­ten aus­drü­cken, sind im Sinne des sozi­al­öko­lo­gi­schen Modells auf meh­re­ren Ebe­nen zu bear­bei­ten.

Bera­tung ist auf Grund der Spe­zi­fika des Phä­no­mens der Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie auf­ge­for­dert, sich mit Bezug auf ihre Dop­pel­ver­or­tung und das Tri­ple­man­dat Sozia­ler Arbeit erneut der Frage nach ihrer poli­ti­schen Rele­vanz und ethi­schen Ver­ant­wor­tung zu stel­len.

Quel­len:

Schröd­ter, Wolf­gang (2016): Ent­wick­lungs­per­spek­ti­ven psy­cho­so­zia­ler Bera­tung. In: Bauer, Petra/Weinhardt, Marc (Hrsg.): Pro­fes­sio­na­li­sie­rungs- und Kom­pe­tenz­ent­wick­lungs­pro­zesse in der sozi­al­päd­ago­gi­schen Bera­tung. Balt­manns­wei­ler: Schnei­der Ver­lag Hohen­geh­ren. S. 136–147.