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Die hier auf­ge­führte Dar­stel­lung der Gefah­ren, die durch Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien für unter­schied­li­che soziale Nah­räume ent­ste­hen, bezie­hen sich ins­be­son­dere auf Paar­be­zie­hun­gen, Freund:innenschaften und Fami­lien. Diese prä­sen­tier­ten Daten beru­hen auf einer von uns durch­ge­führ­ten qua­li­ta­ti­ven Stu­die, die tief­ge­hende Ein­bli­cke in die Erfah­run­gen Betrof­fe­ner bie­tet. Ergän­zend dazu stüt­zen sich die wei­ter­füh­ren­den Infor­ma­tio­nen zu gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Aus­wir­kun­gen auf fun­dierte, externe Quel­len (siehe Quel­len­ver­zeich­nis). Mit die­ser Seite möch­ten wir nicht nur die oft­mals auf­tre­ten­den Belas­tun­gen und Kon­flikte im sozia­len Nah­raum von Verschwörungsanhänger:innen sicht­bar machen, son­dern auch die weit­rei­chen­den Her­aus­for­de­run­gen auf­zei­gen, die sich dar­aus für das Zusam­men­le­ben in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft erge­ben.

Wir zei­gen Schritt für Schritt, wel­che Gefah­ren aus Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien resul­tie­ren kön­nen.

Der Auf­bau folgt dabei einer wach­sen­den Per­spek­tive – von der indi­vi­du­el­len Bezie­hungs­ebene bis hin zur gesell­schaft­li­chen Dimen­sion: Zunächst betrach­ten wir die Gefah­ren für Paar­be­zie­hun­gen, anschlie­ßend die Gefah­ren für Fami­lien und Freund­schaf­ten. Dar­auf auf­bau­end geht es um die Fol­gen für soziale Grup­pen und Insti­tu­tio­nen – und schließ­lich um die Gefah­ren für Gesell­schaft und Poli­tik.

Damit möch­ten wir ver­deut­li­chen: Radi­ka­li­sie­rungs­pro­zesse durch Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien betref­fen nicht nur ein­zelne Per­so­nen. Sie wir­ken in alle sozia­len Bin­dun­gen hin­ein – vom unmit­tel­ba­ren Nah­raum bis zur gesell­schaft­li­chen Ebene – und kön­nen in der Summe das Ver­trauen, den Zusam­men­halt und die demo­kra­ti­sche Kul­tur gefähr­den. 

Gefah­ren für …

… Paar­be­zie­hun­gen

Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien in Paar­be­zie­hun­gen kön­nen sich auf viel­fäl­tige Weise auf die betrof­fe­nen Per­so­nen aus­wir­ken. Inten­sive emo­tio­nale Bin­dun­gen und häu­fig bestehende soziale, öko­no­mi­sche und/oder emo­tio­nale Abhän­gig­keits­ver­hält­nisse machen Paare beson­ders vul­nerabel, wodurch sich erlebte psy­cho­so­ziale Aus­wir­kun­gen inten­si­vie­ren kön­nen. Betrof­fene berich­ten häu­fig von Agi­ta­tio­nen, dem Ver­such der (poli­ti­schen) Beein­flus­sung durch ver­schwö­rungs­af­fine Partner:innen. Über­grei­fend berich­ten Betrof­fene, dass die Ver­schwö­rungs­an­hän­gig­keit ihrer Partner:innen je nach Inten­si­tät und Grad einer Radi­ka­li­sie­rung zu erheb­li­chen psy­chi­schen Belas­tun­gen führt, die von Wut, Trauer, Ohn­macht, Rat- und Hilf­lo­sig­keit über Stress, Ängste, Sor­gen sowie Scham- und Schuld­ge­fühle bis hin zu Ver­wir­rung, Selbst­zwei­feln und Ver­trau­ens­ver­lust rei­chen.

Hinzu kom­men erheb­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­bleme, wenn unter­schied­li­che Welt­an­schau­un­gen auf­ein­an­der­tref­fen: Das Ver­ständ­nis für­ein­an­der kann ver­lo­ren gehen. Mis­sio­nie­rungs­ver­su­che sowie die Abwer­tung abwei­chen­der Mei­nun­gen kön­nen die Ver­trau­ens­ba­sis der Bezie­hung nach­hal­tig unter­gra­ben. Davon berich­tet eine Betrof­fene mit dem Pseud­onym Jana Wag­ner, die Dis­kre­di­tie­rung durch ihren Ex-Part­ner erfährt, der Anhän­ger des ‚König­reich Deutsch­land‘ ist.

„[…] viele konn­ten damit nix anfan­gen, ja, die­ses wenn, wenn der Part­ner stän­dig sagt: ‚Du ver­stehst es ein­fach noch nicht. Und ich wünschte, dass du irgend­wann AUCH diese Erkennt­nis bekommst und AUFWACHST und auf die­ser Ebene sein kannst, wo ich mich jetzt gerade befinde.‘ Und also so die­ses also, man war eigent­lich, oder ich war dann eigent­lich von ihm in eine Posi­tion gesetzt, dass ich noch klein und dumm bin und er hat schon die Weis­heit und die Erkennt­nis, er weiß es doch bes­ser und er wünscht uns SO, sei­ner Fami­lie und uns, dass wir auch die­sen Erkennt­nis­stand bekom­men und diese Weis­heit bekom­men.“

Hier deu­tet sich auch an, dass nicht nur das gegen­sei­tige Ver­ständ­nis in der Paar­be­zie­hung lei­det, son­dern auch das Ver­ständ­nis von Drit­ten für die ver­än­derte Dyna­mik die­ser Paar­be­zie­hung, wor­un­ter die betrof­fene Per­son dop­pelt lei­det. Die­ses Mus­ter erin­nert an das Phä­no­men der sekun­dä­ren Vik­ti­mi­sie­rung.

In der Paar­be­zie­hung kön­nen Unter­hal­tun­gen von ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Inhal­ten ‚geflu­tet‘ wer­den, wobei die ver­schwö­rungs­af­fine Per­son eine domi­nante Rolle ein­nimmt. All­täg­li­che oder bezie­hungs­re­le­vante The­men kön­nen oft kaum noch bespro­chen wer­den, da die Per­spek­tive der Verschwörungsanhänger:innen sämt­li­che Gesprä­che domi­niert.

„Und es ist im Zuge die­ser gan­zen Geschichte, da hatte ich so eine Erfah­rung, da hat meine Frau mir andert­halb Stun­den alles, alles an Ver­schwö­rungs­zeug zusam­men­ge­reimt, hin­ter­ein­an­der­weg erzählt, alles ver­wurs­tet. Also das geht doch gar nicht, aber es geht, es funk­tio­niert wirk­lich. Da sitzt du dann so dane­ben so: Ich weiß gar nicht, was ich sagen darf. Und irgend­wann war es so, dass ALLE Gesprä­che sich immer wie­der auf diese The­men hin kon­zen­triert haben: ‚Ach, ist das heute warm‘, ‚na ja, Kli­ma­wan­del gibt es ja nicht‘, oder dies oder jenes oder die böse Regie­rung oder was auch immer. Und so ist das zu Hause. Und dann war für mich eigent­lich nur, der ein­zige Weg war die Flucht, da raus­zu­kom­men, weil ich habe das nicht mehr aus­ge­hal­ten. Bin auch krank gewor­den dadurch. Ich hatte ganz dolle Herz­pro­bleme und sowas.“

Der Betrof­fene mit dem Pseud­onym Fre­de­rick Treu­ber berich­tet aus sei­ner eige­nen Bezie­hungs­er­fah­rung mit sei­ner ver­schwö­rungs­af­fi­nen Ex-Frau, dass die anhal­ten­den Belas­tun­gen in der Paar­be­zie­hung zu schwer­wie­gen­den gesund­heit­li­chen Fol­gen füh­ren kön­nen. Dabei spielt ins­be­son­dere die Dauer der belas­ten­den Situa­tion eine ent­schei­dende Rolle. Län­ger andau­ern­der Stress, wie er unter Umstän­den bei mona­te­lan­gem oder jah­re­lan­gem, star­kem Ein­fluss durch ver­schwö­rungs­af­fine Per­so­nen im eige­nen häus­li­chen Umfeld auf­tritt, kann das Risiko für psy­chi­sche und phy­si­sche Beein­träch­ti­gun­gen deut­lich erhö­hen. Dar­aus kön­nen erheb­li­che psy­cho­the­ra­peu­tisch rele­vante Sym­ptome und psy­chi­sche Krank­heits­bil­der her­vor­ge­hen. Die stän­dige Kon­fron­ta­tion mit ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Inhal­ten wird von eini­gen Betrof­fe­nen als ‚Psy­cho­ter­ror‘ erlebt.

Auch Mio Koli­bri (Pseud­onym) berich­tet über die gesund­heit­li­chen Belas­tun­gen, die durch den Umgang mit ihrem ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Ex-Part­ner ent­stan­den sind. Beson­ders belas­tend sind Fra­gen und Ent­schei­dun­gen, die das gemein­same Kind betref­fen. Dabei geht es bei­spiels­weise um Imp­fun­gen oder den Schul­be­such, da diese The­men immer wie­der Kon­flikte aus­lö­sen und die emo­tio­nale Anspan­nung erneut ver­stär­ken.

„Dann wurde sich auf die Stu­die von Andrew Wake­field gestützt, der damals diese zwölf Kin­der da mit Autis­mus und Imp­fun­gen in Zusam­men­hang gebracht hat und so. Und, genau, also, wenn man sich dann mit der The­ma­tik beschäf­tigt hat, war dann rela­tiv klar, okay, er ist da in die­ser Blase drin­nen. Und ich errei­che ihn mit mei­nen Quel­len auch nicht. Also das bringt jetzt auch nichts, dem irgend­was ent­ge­gen­zu­set­zen. Und ich habe dann irgend­wann gesagt / Also ich hatte dann schlimme Schlaf­pro­bleme. Ich konnte dann auch nicht mehr / Hatte Panik­at­ta­cken, Ner­ven­zu­sam­men­brü­che und musste ja aber trotz­dem irgend­wie, ja, einen All­tag bewäl­ti­gen, mit Kind und Job, 40 Stun­den. Und alles, was irgend­wie eben auch dran­hängt, mit so einem ADHS belas­te­tem Kind.“

… Fami­lien

Fami­li­en­mit­glie­der, die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen anhän­gen, kön­nen eine beson­dere Gefähr­dung für das Kin­des­wohl dar­stel­len, da Kin­der dabei häu­fig instru­men­ta­li­siert und mani­pu­liert wer­den. In eini­gen Fäl­len ist sogar bekannt, dass Kin­der aus Angst vor Lie­bes­ent­zug oder Aggres­sio­nen eine Zustim­mung zu Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen vor­spie­len. Die beson­de­ren Macht­asym­me­trien in Eltern-Kind-Bezie­hun­gen ver­stär­ken diese Pro­ble­ma­tik erheb­lich, da Kin­der sich nicht eigen­stän­dig aus sol­chen Situa­tio­nen befreien kön­nen und dadurch oft in starke Loya­li­täts­kon­flikte gera­ten. Mar­kus Braun und Mio Koli­bri (Pseud­onyme) spre­chen über die Schwie­rig­kei­ten, die in der Bezie­hung zu den eige­nen Kin­dern ent­ste­hen kön­nen, wenn ver­schwö­rungs­af­fine Ex-Partner:innen diese in Loya­li­täts­kon­flikte brin­gen.

„Also es gibt halt die Mög­lich­keit, Kin­der in Loya­li­täts­kon­flikte zu brin­gen. Und da sitzt halt der­je­nige, bei dem die Kin­der leben, halt in Deutsch­land / Also der sitzt halt am län­ge­ren Hebel. […] Und er hat sich dann halt irgend­wann in dem Loya­li­täts­kon­flikt auf die Seite der Mut­ter geschla­gen, was völ­lig nach­voll­zieh­bar ist. Und seit­dem besteht halt auch gar kein Kon­takt mehr.“

„Und ich habe dann eben auch / weil ich ganz oft mit­be­kom­men habe, dass [Name des Soh­nes] immer wie­der gesagt hat, wie schlimm das für ihn ist, dass er sich zwi­schen uns ent­schei­den muss. Und dass ihn das ver­letzt und dass er sei­nen Papa liebt und seine Mama liebt.“

Ver­schwö­rungs­af­fine Eltern kön­nen sich nicht nur im engen Fami­li­en­kreis nega­tiv aus­wir­ken, son­dern füh­ren häu­fig auch dazu, dass Kin­dern das über den Fami­li­en­kon­text hin­aus­rei­chende soziale Mit­ein­an­der ver­wehrt wird – meist ver­bun­den mit dem Ver­such, sie vom Schul­be­such abzu­hal­ten. Diese Pra­xis ver­deut­licht eine zen­trale Her­aus­for­de­rung auch für die Kin­der- und Jugend­hilfe, die vor die Auf­gabe gestellt ist, eine Balance zwi­schen dem Erzie­hungs­recht der Eltern, dem Schutz der Fami­lie vor staat­li­chen Ein­grif­fen und der Not­wen­dig­keit zu (sozi­al­päd­ago­gi­scher) Inter­ven­tion, wenn das Kin­de­wohls gefähr­det ist – in die­sem Fall im Kon­text der Schule als zen­tra­ler, gesell­schafts­bil­den­der Insti­tu­tion – her­zu­stel­len.

Die Schule spielt eine ent­schei­dende Rolle dabei, Kin­dern Bil­dungs­chan­cen zu ermög­li­chen, ihre Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung zu för­dern und ihnen gesell­schaft­li­che Teil­habe zu eröff­nen. Wer­den Kin­der jedoch auf­grund ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­scher Über­zeu­gun­gen ihrer Eltern vom Schul­be­such abge­hal­ten, sind ihre Bil­dungs- und Ent­wick­lungs­chan­cen mas­siv gefähr­det. Dies führt nicht nur zu unmit­tel­ba­ren Bil­dungs­de­fi­zi­ten, son­dern kann auch lang­fris­tige Ein­schrän­kun­gen in der Bil­dungs- und Berufs­bio­gra­fie nach sich zie­hen und sich auf soziale Kom­pe­ten­zen und soziale Bil­dungs­chan­cen aus­wir­ken. Dar­über hin­aus ver­stärkt die Iso­la­tion von gesell­schaft­li­chen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen die ideo­lo­gi­sche Indok­tri­na­tion und erschwert den Zugang der Kin­der zu viel­fäl­ti­gen Per­spek­ti­ven und sozia­len Erfah­run­gen. Die im Jugend­amt tätige Fach­kraft Miriam Möl­ler (Pseud­onym) sieht ins­be­son­dere die Stig­ma­ti­sie­rung die­ser Kin­der pro­ble­ma­tisch.

„Das, denke ich, ist ein Rie­sen­punkt. Und auch, dass die Kin­der so eine Son­der­rolle bekom­men, indem sie ja, das wer­den, wer­den ja auch andere Kin­der fra­gen: ‚Wieso gehst DU eigent­lich nicht in die Schule? Und wieso geht das bei euch? Und was machst du den gan­zen Tag?‘.“

Dar­über hin­aus kön­nen Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien zu tief­grei­fen­den Spal­tun­gen und emo­tio­na­len Ach­ter­bahn­fahr­ten inner­halb der Fami­lie füh­ren, die sich nicht nur zwi­schen Partner:innen oder Eltern und (klei­nen) Kin­dern, son­dern häu­fig auch zwi­schen ver­schie­de­nen erwach­se­nen Gene­ra­tio­nen mani­fes­tie­ren. Diese Kon­flikte ver­än­dern das fami­liäre Mit­ein­an­der grund­le­gend und erschwe­ren den Zusam­men­halt erheb­lich. Mat­thias Bau­mann (Pseud­onym) berich­tet von einer erwach­se­nen Rat­su­chen­den, die sich Sor­gen um ihre Eltern macht, weil ihr ver­schwö­rungs­gläu­bi­ger Vater sich und seine Ehe­frau von der Kran­ken­ver­si­che­rung abmel­den möchte.

„[…] um viel­leicht noch mal so ein biss­chen […] den Grad der Besorg­nis oder teil­weise auch Ver­zweif­lung, Schräg­strich, Rat­lo­sig­keit der Toch­ter deut­lich zu machen, ist es viel­leicht noch ganz inter­es­sant zu wis­sen, dass diese ABLEHNUNG des deut­schen Staa­tes durch den Vater, dass er es so kon­se­quent gehand­habt hat, dass er zum Bei­spiel gesagt hat: ‚Kran­ken­ver­si­che­rung brau­che ich nicht, will ich nicht, kün­dige ich. Sowohl für mich‘, also jetzt aus Sicht des Vaters gese­hen, ‚als auch für die Ehe­frau.‘ Was natür­lich im Falle eines Fal­les zu sehr gro­ßen Schwie­rig­kei­ten hätte füh­ren kön­nen. Und das eben auch ein Teil der gro­ßen Sor­gen der Toch­ter war.“

Betrof­fene fin­den sich häu­fig in einem Nähe-Distanz Zwie­spalt: Sie sind einer­seits emo­tio­nal mit den ver­schwö­rungs­af­fi­nen Ange­hö­ri­gen ver­bun­den, ande­rer­seits erle­ben sie diese durch die ideo­lo­gi­schen Dif­fe­ren­zen jedoch sehr weit ent­fernt. Häu­fig ent­schlie­ßen sie sich aus Selbst­schutz dazu, den Kon­takt oder die Nähe ein­zu­schrän­ken. Dar­über hin­aus emp­fin­den Fami­li­en­mit­glie­der oft Schuld­ge­fühle, etwa wenn sie sich wie­der­holt fra­gen, ob sie die Ent­wick­lung hin zu einer ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Welt­sicht ihrer Ange­hö­ri­gen hät­ten ver­hin­dern kön­nen. Die Fach­kraft mit dem Pseud­onym Felix Schus­ter spricht über die Schuld­ge­fühle einer Rat­su­chen­den gegen­über ihren älte­ren Eltern, die unter der ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Affi­ni­tät ihres Bru­ders lit­ten.

„Sie sieht sich gerade als sehr SCHWACH, als eigent­lich eine geschei­terte Per­sön­lich­keit, so. Und ist da stark mit Schuld­fra­gen auch (unv.). Also, sie spielt immer wie­der im Kopf das­selbe Spiel durch. Hätte sie nicht anders reagie­ren müs­sen? Wäre es dann anders gekom­men? Was hat alles dazu geführt? Was hat sie alles falsch gemacht? Also, diese Schuld­vor­würfe sind ein rich­tig gro­ßes Thema bei ihr, das sie mit sich rum­schlägt.“

… Freund­schaf­ten

Freund­schaf­ten kön­nen stark unter den Aus­wir­kun­gen von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien lei­den, da dadurch häu­fig das gemein­same Wer­te­ge­rüst, das Freund­schaf­ten trägt, erschüt­tert wird. So kann es zu Mis­sio­nie­rungs­ver­su­chen, zur Ableh­nung oder Dis­kre­di­tie­rung abwei­chen­der Mei­nun­gen kom­men, wenn bei­spiels­weise ein:e enge:r Freund:in an Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen glaubt. Es kommt auch vor, dass sich Per­so­nen zurück­zie­hen und sich in der umgangs­sprach­li­chen Blase der Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie ver­lie­ren. Bei­des kann eine zuneh­mende Ent­frem­dung zwi­schen Freund:innen zur Folge haben. Lilly Krä­mer (Pseud­onym) erlebte die Distan­zie­rung eines lang­jäh­ri­gen Freun­des aus einer gemein­sa­men Freund:innengruppe, der in sei­ner Blase ver­schwand.

„Auch wenn man ihm selbst noch zum Geburts­tag gra­tu­liert, kommt da auch nichts mehr, auch kein Dan­ke­schön und gar nichts mehr. Also er ist da wahr­schein­lich kom­plett für sich und, ja, lebt in sei­ner eige­nen Blase irgendwo, was uns auch schon trau­rig stimmt, auf alle Fälle.

Der Umgang mit ver­schwö­rungs­af­fi­nen Freund:innen belas­tet die Betrof­fe­nen ins­be­son­dere auf Dauer emo­tio­nal. Gefühle von Frus­tra­tion, Ohn­macht und Über­for­de­rung tre­ten häu­fig auf und spie­geln die Hilf­lo­sig­keit wider, mit der viele kon­fron­tiert sind. Freund:innen sind oft unsi­cher, wie sie ange­mes­sen auf die Situa­tion reagie­ren kön­nen, was zusätz­li­chen Stress und Kon­flikte erzeugt.

Ein wei­te­rer Aspekt ist, dass Freund:innenschaften ten­den­zi­ell eher zer­bre­chen als part­ner­schaft­li­che Bezie­hun­gen, da die emo­tio­nale Bin­dung und Ver­bind­lich­keit oft weni­ger inten­siv sind. Zudem ist der Umgang mit ver­schwö­rungs­af­fi­nen Freund:innen in bestimm­ten Kon­stel­la­tio­nen nicht damit zu bewäl­ti­gen, diese Hal­tung genauso wie eine gewöhn­li­che ‚ner­vige‘ Eigen­schaft zu igno­rie­ren, son­dern stellt für viele eine beson­dere Her­aus­for­de­rung dar. Dies berich­tet auch die Betrof­fene Hed­wig Zim­mer­mann (Pseud­onym), die sich in Corona-Zei­ten von einer sehr guten Freun­din distan­zierte.

„Letzt­end­lich, ich sage mal, aus die­ser gan­zen Num­mer / Ich habe mich dann da ent­fernt oder bin jetzt auch die Ein­zige, die aus die­ser Gruppe kei­nen Kon­takt mehr zu ihr hat und alle ande­ren haben da jetzt, sage ich mal, so drü­ber hin­weg­ge­se­hen.“

… Gesell­schaft und Poli­tik

Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen sind ein inhä­rent sozia­les Phä­no­men, da ihre Bedeu­tung oft aus ihrem spe­zi­fi­schen sozia­len Kon­text abge­lei­tet wird (Berg­mann et al., 2020, S. 259). Bestehende Macht­struk­tu­ren in der Gesell­schaft wer­den ins­be­son­dere dadurch in Frage gestellt, dass nega­tive Ereig­nisse bestimm­ten Grup­pen zuge­schrie­ben wer­den (Imhoff & Bru­der, 2014, S. 39). Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen kön­nen hoch­po­li­tisch sein, da sie häu­fig auf bestimm­ten Vor­stel­lun­gen von Macht und Auto­ri­tät basie­ren (Berg­mann et al., 2020, S. 259), sie wei­sen somit ein gro­ßes Poten­zial für poli­ti­sche Agi­ta­tion und Ver­un­si­che­rung auf (Hes­sel et al., 2022, S. 10).

Die For­schung zeigt, dass sich Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen nega­tiv auf die Gesell­schaft aus­wir­ken. So führt der Kon­sum sol­cher Erzäh­lun­gen zu einer ver­min­der­ten Bereit­schaft, sich poli­tisch oder gesell­schaft­li­chen zu enga­gie­ren, etwa dadurch den eige­nen CO2-Fuß­ab­druck zu ver­rin­gern (Lewan­dowsky & Cook, 2020, S. 3). Auf die Rele­vanz der gesell­schaft­li­chen Ebene in der Dis­kus­sion um Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen geht auch die Fach­kraft Celina Klose (Pseud­onym) ein, als sie von ihren Erfah­run­gen mit Schüler:innen und Lehr­kräf­ten berich­tet.

„Und dar­über mit den jun­gen Men­schen zu spre­chen, ist manch­mal sehr schwie­rig, weil sie dann so diese gesell­schaft­li­che Ebene nicht ganz schaf­fen. Also sie den­ken dann eher dar­über nach, dass sie das lus­tig fin­den und ihnen das egal ist, ob irgend­eine Per­son jetzt glaubt, dass die Erde flach ist oder nicht. Aber sie schaf­fen es nicht, so dar­über nach­zu­den­ken, was das für unsere Demo­kra­tie bedeu­tet, wenn man sich nicht mehr Fak­ten äußern kann. […] Und mit Lehr­kräf­ten und Multiplikator*innen ist das / die fin­den alle Ver­schwö­rungs­theo­rien sehr gefähr­lich, außer sie / also ich hatte auch schon Lehr­kräfte, die da manch­mal so: ‚Ja, aber es ist sehr gut, kri­tisch zu sein.‘ Wo ich sage: ‚Ja, kri­tisch sein ist immer gut, aber es gibt einen Unter­schied zwi­schen kri­tisch sein und irgend­wie zu glau­ben, Regie­run­gen auf der Welt mani­pu­lie­ren uns alle und all das.‘.“

Öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen wie Schu­len oder Ver­wal­tun­gen, die spe­zi­elle gesetz­li­che und päd­ago­gi­sche Auf­ga­ben erfül­len, sind durch das Ein­drin­gen ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­scher Posi­tio­nen in ihrer Hand­lungs­fä­hig­keit und ihrem Bei­trag zum sozia­len Zusam­men­halt erheb­lich gestört. So berich­tet Peter Yil­maz, der im Rah­men sei­nes Lehr­amts­stu­di­ums sein Pra­xis­se­mes­ter an einer Schule absol­viert hat, von einer Lehr­kraft, die im Lehrer:innenzimmer Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen ver­brei­tete.

„Also es gab auch, und das halte ich zum Bei­spiel für etwas Gefähr­li­che­res, Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen sei­tens der Lehr­kräfte. Da bin ich auch schon mal drauf gesto­ßen. Und das war mal Thema im Kon­text Coro­na­imp­fun­gen. […] Aber da gab es auch den Gedan­ken, dass wir von einer gewis­sen Elite regiert wer­den. Und das hat der sich dadurch erklärt, dass sowohl Mer­kel als auch Anna­lena Baer­bock oder auch diverse andere Poli­ti­ker wie Macron eine gewisse Schu­lung hin­ter sich gebracht haben. Ich habe jetzt / da gab es IRGENDEINE, irgend­eine Orga­ni­sa­tion, die junge poli­tisch inter­es­sierte Men­schen in irgend­et­was aus­bil­den. Und da waren wohl viele Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten. Und er hat dann argu­men­tiert, dass das even­tu­ell so DER Ort sein könnte, wo die Elite ihre Pup­pen aus­bil­det quasi, genau, so. Das war schon wild (lacht).“

Ver­schwö­rungs­an­hän­gige Per­so­nen nut­zen öffent­li­che Räume manch­mal gezielt, um ihre in gro­ßen Tei­len men­schen- und demo­kra­tie­feind­li­chen Vorstellungen/Ideologien zu ver­brei­ten. Dies geschieht in Form aggres­si­ver Dis­kus­sio­nen, Demons­tra­tio­nen oder über Flyer, die bei­spiels­weise anti­se­mi­ti­sche Inhalte trans­por­tie­ren oder zu Gewalt gegen Politiker:innen und staat­li­che Insti­tu­tio­nen auf­ru­fen. Sol­che Aktio­nen laden öffent­li­che Orte mit bedroh­li­chen und spal­ten­den Bot­schaf­ten auf und beein­träch­ti­gen dadurch sowohl das Sicher­heits­ge­fühl als auch die demo­kra­ti­sche Kul­tur des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens.

Ein Merk­mal von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie ist, dass sie resis­tent gegen­über ratio­na­len Argu­men­ten ist, und sich Fak­ten­checks oder Expert:innenwissen ent­zieht, da Anhänger:innen diese selbst als Teil der ver­meint­li­chen Mani­pu­la­tion deu­ten. Inso­fern ver­hin­dern sie sys­te­ma­tisch den plu­ra­lis­ti­schen, evi­denz­ba­sier­ten Dis­kurs, der Grund­lage jeder Demo­kra­tie ist. Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien ent­wer­fen ein anti­de­mo­kra­ti­sches Welt­bild, das plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaf­ten ablehnt. Abwei­chende Mei­nun­gen wer­den nicht tole­riert, zu Tei­len wer­den Min­der­hei­ten­rechte miss­ach­tet und statt­des­sen eine ‚Herr­schaft des (ver­meint­lich homo­ge­nen) Vol­kes‘ gefor­dert. Natio­na­lis­ti­sche Nar­ra­tive inner­halb völ­kisch-auto­ri­tä­rer Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen insze­nie­ren das jewei­lige Volk als Opfer und rela­ti­vie­ren oder leug­nen dabei Ver­bre­chen des NS, faschis­ti­scher oder ander­wei­tig auto­ri­tä­rer Regime. Wei­tere Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen redu­zie­ren kom­plexe Zusam­men­hänge, wie den Kapi­ta­lis­mus, auf per­so­na­li­sierte Feind­bil­der, die häu­fig in anti­se­mi­ti­sche Ste­reo­type mün­den. Zudem ver­brei­ten Verschwörungsideolog:innen gesund­heits­ge­fähr­dende Emp­feh­lun­gen, etwa durch Ableh­nung von bestimm­ten Imp­fun­gen oder die Nut­zung gefähr­li­cher ‚alter­na­ti­ver‘ Heil­me­tho­den.

Stei­gen Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen im gesell­schaft­li­chen Rele­vanz­ni­veau und wer­den nicht mehr stig­ma­ti­siert, kön­nen sie erheb­li­chen Scha­den für Demo­kra­tien anrich­ten: Indem sie den öffent­li­chen Dis­kurs unter­gra­ben, Kom­pro­miss­fä­hig­keit erschwe­ren und Miss­trauen gegen­über poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen för­dern. Ihre Deu­tungs­struk­tur – wonach geheime Eli­ten die Macht aus­üben – dele­gi­ti­miert demo­kra­ti­sche Ver­fah­ren wie Wah­len und schwächt das poli­ti­sche Inter­esse sowie die Par­ti­zi­pa­tion. Dar­über hin­aus kön­nen Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen als Kata­ly­sa­tor für Radi­ka­li­sie­rung (Lam­berty, 2020, S.8) wir­ken, extreme Welt­bil­der ver­fes­ti­gen und zu Gewalt bei­tra­gen.

Rechts­po­pu­lis­ti­sche und rechts­extreme Grup­pen nut­zen Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen bewusst als Werk­zeug, um ihre poli­ti­sche Agenda durch­zu­set­zen und Miss­trauen in der Gesell­schaft zu ver­brei­ten (Lam­berty 2020, S. 8).

Und wer ‚sollte‘ das Pro­blem lösen? Der poli­ti­sche Bild­ner Alex­an­der Busse (Pseud­onym) hebt die Rolle poli­ti­scher Akteur:innen her­vor, die sei­ner Mei­nung nach in der Bekämp­fung von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie eine beson­dere Ver­ant­wor­tung haben:

„[…] also ich glaube, Poli­tik hat hier ein­fach auch eine Bring­schuld. Wenn sich Poli­tik immer nur selbst zer­legt, ja, und da schaue ich auch auf mei­nen eige­nen Laden, also das ist schwie­rig. Wie soll ich denn in sol­che Men­schen und Grup­pen Ver­trauen haben, wenn die nicht meine Pro­bleme lösen im All­tag? Ich glaube, wenn sich Poli­tik und gesell­schaft­li­che Akteure als Pro­blem­lö­ser nicht nur insze­nie­ren, son­dern auch tat­säch­lich Erfolge vor­wei­sen kön­nen und sich da halt man­ches Mal auch am Rie­men rei­ßen, noch mehr als bis­her und, jede Seite sagt immer, die ande­ren müs­sen doch mal ideo­lo­gie­frei dar­an­ge­hen, ja? Das erwar­tet immer jeder. Und gesun­der Men­schen­ver­stand hat auch jeder für sich gepach­tet. Aber ich glaube, das muss am Schluss auf jeden Fall rüber­kom­men, dass Pro­bleme gelöst wer­den. Weil ich gebe meine Stimme den PROBLEMLÖSERN und nicht denen, denen ich es halt nicht zutraue.“

Es zeigt sich, dass die Gefah­ren von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien weit über den unmit­tel­ba­ren, sozia­len Nah­raum hin­aus­rei­chen: Sie wir­ken von der Mikroebene per­sön­li­cher Bezie­hun­gen bis hin zur gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ebene und kön­nen dort maß­geb­lich zur Ver­stär­kung anti­de­mo­kra­ti­scher Ein­stel­lun­gen bei­tra­gen.

Quel­len:

Bay­ri­scher Land­tag (2021): Ver­schwö­rungs­theo­rien. Eine Publi­ka­tion zur Auf­klä­rung und Auf­ar­bei­tung, S. 30 ff. (Abfrage: 18.02.2026).

Berg­mann, Ein­kur; Dyrendal, Asbjorn; Harambam, Jaron; Thóris­dót­tir, Hulda (2020): Society and poli­tics. Intro­duc­tion. In: But­ter, Mar­tin; Knight, Peter (Hrsg.): Rout­ledge hand­book of con­spi­racy theo­ries. Lon­don, New York: Rout­ledge, S. 259-262

COMPACT Edu­ca­tion Group (2020): Leit­fa­den Ver­schwö­rungs­theo­rien. (Abfrage: 20.02.2026).

Hes­sel, Flo­rian; Luy, Mischa;Chakkarath, Pra­deep (2022): Ver­schwö­rungs­den­ken: Zwi­schen Popu­lär­kul­tur und poli­ti­scher Mobi­li­sie­rung. Zu Seman­tik, Struk­tu­ren und Funk­tio­nen einer Wahr­neh­mungs- und Deu­tungs­kul­tur: Eine Ein­lei­tung. In: Hes­sel, Flo­rian; Chak­ka­rath, Pra­deep; Luy, Mischa (Hrsg.): Ver­schwö­rungs­den­ken. Zwi­schen Popu­lär­kul­tur und poli­ti­scher Mobi­li­sie­rung. Gie­ßen: Psy­cho­so­zial-Ver­lag, S. 9-30.

Imhoff, Roland; Bru­der, Mar­tin (2014): Spea­king (Un–)Truth to Power: Con­spi­racy Men­ta­lity as A Gene­ra­li­sed Poli­ti­cal Atti­tude. Euro­pean Jour­nal of Per­so­na­lity, 28(1), 25–43.

Lam­berty, Pia (2020): Ver­schwö­rungs­my­then als Radi­ka­li­sie­rungs­be­schleu­ni­ger: Eine psy­cho­lo­gi­sche Betrach­tung, In: Exper­ti­sen für Demo­kra­tie. (Abfrage: 20.02.2026).

Rathje, Jan; Kahane, Anetta; Bald­auf, Johan­nes; Lauer, Ste­fan (2015): No World Order. Wie anti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien die Welt ver­klä­ren. Ama­deu Anton­tio Stif­tung (Hrsg.), S. 9 f. (Abfrage: 20.02.2026).